„Die Fähigkeit aufmerksam zuhören zu können wird letztlich über Sein oder Nichtsein unserer musikalischen Praxis und Kultur entscheiden."

Foto: B. Ealovega
Kent Nagano über die Bedeutung des Zuhörens und sein schönstes Hör-Erlebnis
Kent Nagano gilt als einer der herausragenden Dirigenten für das Opern- wie auch das Orchesterrepertoire. Seit September 2006 ist er Generalmusikdirektor an der Bayerischen Staatsoper in München und Music Director des Orchestre symphonique de Montréal. Im Interview mit der Stiftung Zuhören verriet er, warum Musik für die Förderung des Zuhörens so wichtig ist.
Das Interview führte John Hierl.
Herr Nagano, wenn Sie auf Ihre bisherige Karriere als Dirigent zurückblicken: Wie haben Sie damals das Zuhören erlernt?
Kent Nagano: Durch aktives Produzieren von Musik und durch mein besonderes Interesse an den Kompositionen und deren „Macharten“. Jede Musik, die ich höre und der ich zuhören will, verlangt ein aktives Zuhören und Verstehen-Wollen.
Inwiefern kann Musik Ihrer Meinung nach die Fähigkeit des Zuhörens fördern?
Kent Nagano: Musik ist natürlich bestens geeignet, das Zuhören zu fördern. Besonders wenn man selbst Musik macht und produziert. Dabei wird das Hören und Zuhören zum Steuerungsfaktor. Gleichzeitig ist Musik ein Medium, bei dem sich eine non-verbale Kommunikation abspielt. Das kann sehr einfach sein, sich aber auch schwierig und sehr kompliziert darstellen. Musik kennt da alle Spielarten an Zumutungen und Ansprüchen ans Zuhören. Ein Lied in periodischer Gestaltung ist zum Beispiel einfacher zu hören und zu verstehen als ein kontrapunktischer Satz.
Im Januar 2011 lief der Dokumentarfilm „Kent Nagano - Montreal Symphony“ in den deutschen Kinos an. In einer Szene dirigieren Sie das Symphonieorchester von Montréal an einer kanadischen Schule. Wie haben die Kinder Ihnen dort zugehört?
Kent Nagano: Sie waren sehr neugierig, aufmerksam und sehr konzentriert. Da spielte natürlich auch das Ungewöhnliche des ganzen Ereignisses mit und die Tatsache, dass dabei ein Fernsehteam am Werk war.
In den deutschlandweiten „Hörclubs“ der Stiftung Zuhören lernen Kinder das Zuhören. Sie können dort mit Klängen experimentieren, Hör-Spiele machen, erstellen kleine Aufnahmen und sprechen über ihre Höreindrücke. Wie lassen sich denn Ihrer Meinung nach Kinder zum Zuhören bewegen?
Kent Nagano: Wenn Kinder singen, wenn sie Rhythmen schlagen oder Melodien auf der Flöte oder Geige vortragen, wenn sie Klänge abtasten und erforschen, dann hören sie sich zu. Dadurch gewinnen sie ganz selbstverständlich ein natürliches Verhältnis zu dem, was sie musikalisch produzieren. Instrumente sind nicht immer vorhanden, aber alle Kinder können singen. Deshalb ist das Singen auch eines der wichtigsten Mittel in der Förderung des Zuhörens.
Lernen Kinder denn über Musik das Zuhören besser?
Kent Nagano: Ja, denn die non-verbale Form der Kommunikation schafft eine sehr spezifische Sensibilität es Hörens. Viele Kinderpsychologen vermuten, dass Kinder ihre Emotionen, Gefühle und Absichten am vollkommensten und wirksamsten zum Ausdruck bringen können. Sie messen daher dem Erlenen des Zuhörens und der non-verbalen Kommunikation bei Kindern eine sehr große Bedeutung bei.
Welche Opern hören Kinder Ihrer Erfahrung nach gerne und warum?
Kent Nagano: Bei dem Thema Oper und Zuhören habe ich festgestellt, dass Kinder die Geschichte miterleben. Ähnliches lässt sich auch von der Filmmusik sagen. Für mich ist es daher kein Zufall, dass zum Beispiel „Die Zauberflöte“ von Mozart bei Kindern beliebt ist.
Welche Art klassischer Musik hören denn Kinder aus Ihrer Erfahrung am liebsten?
Kent Nagano: Kinder hören das am liebsten, was ihnen nachvollziehbar erscheint, also klar gegliederte Melodien und einfache Wahrnehmungsmuster. Dazu zählt aber auch ein heftiges klangliches Durcheinander. Kinder reduzieren das dann auf die Wahrnehmung von Chaos.
Welche Bedeutung hat das Zuhören in unserer heutigen Gesellschaft?
Kent Nagano: Zuhören scheint generell etwas unmodern geworden zu sein. Man will sich lieber hören und sehen lassen. Wenn aber nicht zugehört wird, erweist sich das Gesagte als überflüssig.
Müssen sich denn Jugendliche heutzutage mehr anstrengen zuzuhören? Wenn ja, warum ist das so?
Kent Nagano: Richtiges Zuhören will immer gelernt sein. Konzentrationsfähigkeit ist dabei die Grundvoraussetzung, die entwickelt werden muss. Viele glauben, dass dies heutzutage besonders problematisch ist, insbesondere für jüngere Kinder, die von den Medien überflutet werden und mit dieser Medienflut aufwachsen. Es ist nur selbstverständlich, dass dort, wo die Konzentration nicht geübt und gelernt wird, diese spezifische Konzentration als anstrengend empfunden wird. Dabei spielt heute insbesondere eine große Rolle, dass das Marktangebot an Reizen und Konsum-Angeboten sehr groß, ja überwältigend ist. Und es ist einfach überall verfügbar.
Sie setzen sich sehr für die Förderung junger Talente ein. Dazu sagten Sie einmal „Kunst ist ... die höchste Art von Kommunikation. Kunst ist universal. Wenn wir das nicht teilen und die nächste Generation das nicht lernen lassen, dann ist das eine große Gefahr.“ (SZ Online Feb 2008) Welche Rolle spielt denn dabei das Zuhören besonders für junge Leute?
Kent Nagano: Wenn junge Menschen in Zukunft das Hören einer Bruckner Symphonie als immer herausfordernder empfinden und irgendwann vielleicht nicht mehr in der Lage sein sollten, einer solchen Symphonie zuzuhören, weil diese als zu lang empfunden wird, dann besteht im schlimmsten Fall die Gefahr, dass diese Kunst verloren geht. Eine lebendige Kunst ohne das Echo und die Resonanz beim Adressaten gibt es nicht. Die Fähigkeit aufmerksam zuhören zu können wird letztlich über Sein oder Nichtsein unserer musikalischen Praxis und Kultur entscheiden.
Sie haben schon in vielen Ländern dirigiert. Wo hört man denn Ihrer Meinung nach am besten zu und warum?
Kent Nagano: Es gibt natürlich Unterschiede. Dabei spielt es eine Rolle, welchen gesellschaftlichen Stellenwert Konzerte im jeweiligen Land haben - ob sie Unterhaltungsangebote oder eben Musik- und Konzertereignisse in der Ansicht des Publikums darstellen. In diesem Kontext spielen Traditionen eine erhebliche Rolle und da gibt es schon starke kulturelle Unterschiede.
Gibt es denn kulturelle Unterschiede auch beim Zuhören innerhalb der verschiedenen Orchester?
Kent Nagano: Die Sensibilität eines Orchesters resultiert zweifellos vor allem aus der besonderen Fähigkeit seiner Musiker, aufeinander zu hören und entsprechend zu spielen. Zuhören im Orchester selbst, also unter den Musikern, ist maßgebend für die Qualität des Klangkörpers. Das erreicht man durch Probenarbeit und durch die Rolle des Dirigenten. Ich bin allerdings der Meinung, dass es wirklich kulturelle Unterschiede geben mag, wo sehr profilierte Musikverständnisse existieren wie zum Beispiel in Südamerika. Andererseits aber werden durch die Formation des Orchesters, durch die Musikliteratur und durch den globalen Ausbildungsbetrieb der Musiker sowie durch die global ausgerichteten Vermarktungsstrategien wirklich echte kulturelle Unterschiede mehr und mehr eingeebnet. Ausnahmen gibt es da, wo spezifische kulturelle Charakteristiken wertgeschätzt, aktiv unterrichtet, unterstützt und ausgeübt werden.
Ohne zuzuhören geht in der Musik gar nichts. Was tun Sie persönlich um möglichst konzentriert zuhören zu können?
Kent Nagano: Wenn ich in ein Konzert gehe, um mir ein Werk oder einen Interpreten anzuhören, dann höre ich zu. Wenn ich mir etwas von einer CD anhören will, dann schaffe ich mir solche Verhältnisse, wo mir das Zuhören ohne Störungen möglich ist.
Was war Ihr persönlich schönstes Zuhör-Erlebnis?
Kent Nagano: Das waren Mozart-Interpretationen von Bruno Walter auf Schallplatte und von Messiaen. Aber auch Boulez und Leonard Bernstein live. Interessanterweise waren die letzten drei Künstler auch gleichzeitig Komponisten.
