Wollen auch Sie einen Hörclub einrichten? Hier erfahren Sie, wie das geht.

Jugendliche erstellen Hörbilder für Museen, Gedenkstätten und Städte.

    Stärkung der Willkommenskultur in Kitas

    Lesen Sie hier Neues aus der Zuhörforschung.

    Nina Runge

    Foto © Jacqueline Krause-Burberg

    „In einer lärmenden Gesellschaft wie unserer ist Zuhören lernen
    … eine der Voraussetzungen für ein wahrhaftiges 'ALLES WIRD GUT'.“

    Nina Ruge wurde als TV-Moderatorin der ZDF-Promi-Sendung "Leute heute" bekannt. Heute engagiert sich die UNICEF-Repräsentantin in vielen sozialen Projekten und hat mehrere Bücher veröffentlicht, darunter auch für Kinder.

    Im Interview mit der Stiftung Zuhören erklärt sie, wie Lebensglück beim Zuhören ganz von alleine entsteht.

    Das Interview führte John Hierl.

    Frau Ruge, Sie waren sieben Jahre lang Lehrerin in Wolfsburg. Was waren dort Ihre Erfahrungen im Zuhören?

    Nina Ruge: Aufmerksames, kritisches und liebevolles Zuhören ist eine der Grundfertigkeiten, die ein Lehrer beherrschen muss. Und dieses Zuhören ist natürlich ein vielschichtiges: Was sagt mir der Schüler, die Schülerin inhaltlich – wie gut ist er oder sie vorbereitet? Wie engagiert zeigen sie sich dem Thema gegenüber – also, was sagen sie mir indirekt über die Qualität meines Unterrichts – wie sehr konnte ich sie faszinieren oder zumindest motivieren? Und: Was schwingt mit in dem, was ein Schüler sagt? Wie ist seine Position im Klassenverband, ist Angst zu spüren, Zweifel am Selbstwert, Unbekümmertheit oder Aggression – was also sendet er mir auf den nonverbalen Ebenen?
    Als Lehrerin habe ich vielschichtiges Zuhören, die entsprechende Interpretation und Bewusstmachung intensiv trainiert. Nach sechs oder acht Unterrichtsstunden war der Akku dann aber auch komplett leer.

    In den deutschlandweiten „Hörclubs“ der Stiftung Zuhören lernen Kinder das Zuhören. Bei den regelmäßigen Treffen erstellen sie kleine Aufnahmen und sprechen über ihre Höreindrücke. Wie lassen sich Ihrer Meinung nach Kinder zum Zuhören bewegen?

    Nina Ruge: Durch Stille. In der Schulklasse, die ich als Lehrerin unterrichtete, begannen wir oft den Unterricht mit einer Minute Schweigen. Zunächst hielten mich die Kinder für ein bisschen durchgeknallt, kicherten, alberten herum – und fanden dann die Ruhe und Kraft, die eine solche kollektive Schweige-Minute geben kann, ganz wunderbar. Ist die Aufmerksamkeit erst sensibilisiert, fällt das Zuhören dann umso leichter. Wenn allerdings in der Familie das Zuhören nicht gelebt wird, ist ein gelingendes und gemeinsames Hör-Erlebnis oft weit entfernt.

    Seit 1990 sind Sie UNICEF-Repräsentantin und waren auf Projektreisen in Nigeria und Südafrika. Wie hört man dort zu?

    Nina Ruge: In beiden Ländern habe ich die Erfahrung gemacht: Kinder, die weniger intensiver Reiz-Überflutung ausgesetzt sind, hören aufmerksamer zu.
    Das Geschwader aus MP3-Player, Iphone, Laptop und Facebook-Twitter-Zwang verklebt nicht nur die Gehörgänge, sondern die Aufmerksamkeit für das unmittelbare Gegenüber. Deshalb ist mir auf dieser Projektreise sehr bewusst geworden, dass wir alle ein intensives Training brauchen: Wie wir Social Media so nutzen, dass unser Horizont erweitert wird. Für sehr viele wird er enger.

    In einem Zitat sagten Sie uns einmal: „Leben, Lieben, Glücklichsein - dafür brauchen wir die hohe Kunst des Hörens.“ Warum ist für Sie Zuhören ein Weg zum Glück?

    Nina Ruge: Sich dem Anderen, sich der Natur zuwenden, mit voller Aufmerksamkeit da sein im Augenblick – und zugleich nach innen horchen, auf die Freude des Lebendigseins und die Kraft der Liebe, die in jedem von uns wohnt – das zu spüren und zu trainieren, das ist die „Süße des Lebens“, das ist Glück.

    Was war in Ihrer beruflichen Laufbahn bisher Ihr schönstes Zuhör-Erlebnis?

    Nina Ruge: Da gab es so viele. Günter Schabowski in den Abendnachrichten fassungslos zuzuhören und erst einmal schlucken, am 9. November 1989. Große klassische Konzerte für das ZDF zu präsentieren und spüren, wie Placido Domingo und Anna Netrebko meinen Adrenalinspiegel genial senken. Im Jahr 2004 die große „Beitrittsgala“ der zehn neuen EU-Länder zu moderieren – und dem tosenden Beifall zehntausender Zuschauer lauschen, mit Gänsehaut. Aber besonders die Dreharbeiten zum Dokumentarfilm „Stille – das scheue Glück“ 2010 im Bayerischen Fernsehen.

    In Ihrem Buch „Stille – Balsam für Herz und Seele“ machen Sie sich stark für Stille als heilsame Kraft. Ist Stille für Sie ein Geschenk und warum?

    Nina Ruge: Stille ist ein Tor zum intensiven Leben – zu innerer Kraft. Manche sagen: zu Gott. Entscheidend ist, dass wir in bewusst gesuchten, stillen Momenten des Tages aufhören zu denken. Das heißt: wir hören auf zu benennen, einzuordnen, zu bewerten. Es geht um sehr konzentriertes und entspanntes Wahrnehmen – innen und außen. Das klingt easy, ist aber eine Form intensiven Trainings, ohne sich allerdings anzustrengen. Dann werden irgendwann die Farben intensiver, die Gefühle tiefer. Alle Sinne beginnen zu „senden“. Auch solche, die bis dahin vergessen waren. Und wir spüren: Alles Glück, wonach wir uns sehnten war schon immer da!

    Welche Bedeutung hat das Zuhören für Ihr persönliches Leben?

    Nina Ruge: Zuhören ist mir unendlich wichtig. Und den Raum dafür zu schaffen, das ist eine täglich neue Herausforderung. Denn auch ich gehöre zu den Junkies: Keine Stunde ohne Blackberry-Checken, kein Tag ohne Internet. Ich könnte meinen Job nicht so fahren, wenn ich nicht im Web organisiert wäre. Das ist sensationell, und das ist eine Gefahr. Denn plötzlich liegt der  kleine schwarze Helfer auch beim Dinner mit Freunden auf dem Tisch, auch beim Gespräch mit meinem Mann. Und wenn dieser Helfer rot zu funken beginnt, ist die Versuchung riesig zu schauen, was das Leben da draußen denn jetzt wohl von mir will. Dann ist Zuhören eine Farce. Den möchte ich sehen, der präsent beim Zuhören und Checken von Emails sein kann.

    Frau Ruge, „Alles wird gut“: Auch im Zuhören?

    Nina Ruge: In einer lärmenden Gesellschaft wie unserer ist Zuhören lernen, Zuhören praktizieren und Zuhören genießen eine der Voraussetzungen für ein wahrhaftiges ALLES WIRD GUT.