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    „Wenn ich zuhöre, dann bin ich für den anderen da. So bin ich glaubwürdig und authentisch. Das ist für mich ein „Hören auf Augenhöhe“, so dass man wirklich seine Gedanken austauschen kann und damit letzten Ende stets ein bisschen weiser wird.“

    © Sennheiser electronic GmbH & Co. KG

    Prof. Dr. Jörg Sennheiser, 66, seit April 1996 Vorsit¬zender des Aufsichtsrats der Sennheiser electronic GmbH & Co. KG, Er entwickelt im Rahmen der aktiven Mitarbeit des Aufsichtsrats die Grundlagen für die zukunftssichere Ausrichtung des Unternehmens mit.

    Das Unternehmen Sennheiserwar 2002 einer der Gründungsstifterder Stiftung Zuhören.

    Das Interview führte Birgit Echtler, Geschäftsführerin der Stiftung Zuhören

    Sennheiser ist eines der weltweit führenden Hersteller von Mikrofonen, Kopfhörern und drahtlosen Übertragungssystemen. Was bedeutet Zuhören für ein und in einem Unternehmen wie Sennheiser?

    Jörg Sennheiser: Zuhören heißt für uns, genau hinzuhören. Wir wollen den Hörsinn ansprechen, um eine Gesamtempfindung des Gehörten erlebbar zu machen. Es ist für uns dieser Gesamteindruck, der die Qualität des Hörens und den Genuss des Gehörten ausmacht. Im Unterschied zu den anderen Sinnen kann man das Gehör und das Hören nicht abschalten. Meine Augen kann ich schließen, meine Ohren aber nicht. Deshalb ist es so wichtig, dass man sich der Fähigkeit des Hörens und des Zuhörens bewusst ist.

    Einige Geräte aus der ganz frühen Zeit von Sennheiser werden auch heute noch produziert. Gibt es bestimmt Gesetzmäßigkeiten, die sich im Bereich des Zuhörens nicht ändern?

    Jörg Sennheiser: Zuhören zeichnet sich dadurch aus, dass ein Mensch ein Signal abgibt - also beispielsweise indem er redet - und ein anderer Mensch, der zuhört, der dieses Signal empfängt. Die Technik, insbesondere das Mikrofon oder der Lautsprecher, kann dafür eingesetzt werden, diese Signale, das gesprochene Wort, auch über eine weitere Entfernung zu übertragen. Die Qualität dieser Technik kann die Intensität der Empfindung entscheidend beeinflussen. Und letztlich sind es die Emotionen, die uns erinnern und folglich lernen lassen. Denn Fakten, die wir mit Emotionen verbinden, kann unser Gedächtnis besser abspeichern. Da wir bei Sennheiser grundsätzlich latent unzufrieden mit dem bereits Erreichten sind und uns ständig verbessern wollen, versuchen wir stets die Grenzen des technisch Möglichen noch weiter auszureizen. Das führt zu Innovationen und zu neuen Produkten.

    Wie beeinflusst Ihrer Meinung nach die moderne Audiotechnik unsere Zuhörgewohnheiten?

    Jörg Sennheiser: Unsere Technik soll die Bedürfnisse unserer Kunden befriedigen. Diese Bedürfnisse und Vorlieben verändern sich jedoch. So ist beispielsweise heute MP3-codierte Musik im Vergleich zur CD das bevorzugte Format. Ich denke, dass diese Art Musik zu hören, dazu beiträgt, sich berieseln zu lassen und sich weniger auf das Gehörte zu konzentrieren. Im Vergleich dazu bringt man dem Gehörten bei einem Live-Konzert sicherlich mehr Aufmerksamkeit entgegen. Wenn ich außerdem sehe, wie Menschen oftmals gedankenlos mit ihrem Gehör umgehen, indem sie sich unbedacht einer lärmenden Umgebung aussetzen, wird mir bewusst, wie wichtig die Sensibilisierung für das bewusste Zuhören ist.

    Sennheiser hat in Kooperation mit dem Institut zur Erforschung von Mensch- Umwelt-Beziehungen an der Universität Oldenburg festgestellt, dass sich mit qualitativen Geräten die Akustik beispielsweise in Klassenzimmern verbessern lässt. Welche konkreten Maßnahmen gibt es für eine solche Verbesserung?

    Jörg Sennheiser: Heute herrscht in den Klassenzimmern ein sehr hoher Geräusch- und Lärmpegel. Dieser beeinträchtigt die Verständlichkeit zwischen Schülern und Lehrern und damit auch den Lernerfolg der Kinder stark. Eine konkrete Maßnahme, die Akustik in Klassenzimmern zu verbessern, ist das Ausgleichen von bau-akustischen Mängeln durch elektro-akustische Übertragung. Ein weiteres Beispiel zur Verbesserung der Akustik sind Innenohrimplantate oder entsprechende Hörgeräte für hörgeschädigte oder gehörlose Kinder und Jugendliche. Sprechen ist das Nachahmen von dem, was man hört. Und das wird für diese Kinder dadurch überhaupt erst möglich. Hier ist in den letzten Jahren Erstaunliches erreicht worden.

    Zuhören und Sprechen wird als der Königsweg der Kommunikation bezeichnet, doch die Kommunikation ändert sich. Junge Leute nutzen die neuen Medien und kommunizieren über Facebook. Welche Folgen haben diese Entwicklungen auf Sennheiser?

    Jörg Sennheiser: Die Kommunikationsmöglichkeiten über die neuen Medien sind ein zweischneidiges Schwert. Diese „Kommunikation mit dem Daumen“, wie ich sie gerne nenne, verleitet dazu, gar nicht mehr richtig zu kommunizieren. Deshalb ist es aus unserer Sicht wichtig, dass wir mit den Geräten und der Technik, die uns heute zur Verfügung stehen, auch wieder zu einer guten akustischen Kommunikation beitragen. Und hier sind wir auf einem guten Weg. So erleben wir heute beispielsweise, dass junge Leute wieder richtige Kopfhörer verwenden. Sie benutzen große Kopfhörer. Und tragen diese als eine Art Modeaccessoire. Das ist wunderbar, weil sie dadurch in den Genuss von qualitativ guter akustischer Kommunikation kommen und ein Bewusstsein dafür entwickeln, wie gut und wichtig das ist.

    Wie kann Sennheiser Ihrer Meinung nach dazu beitragen, dass junge Leute, sich besser entwickeln und einen anderen Blick, ein anderes Ohr für das Thema Zuhören gewinnen?

    Jörg Sennheiser: Ich glaube, es ist enorm wichtig, den jungen Menschen klar zu machen, wie wichtig es ist, bewusst zu hören und zuzuhören, und wie sehr sie davon profitieren können. Das heißt auch, ihnen zu erklären, dass der Lärm, dem man seine Ohren aussetzt, beispielsweis beim Musikhören, nicht zu groß sein sollte. Denn die Qualität hängt nicht von der Lautstärke ab. Gute Musik oder auch gute Kommunikation zeichnet sich vielmehr durch starke Modulation bei der Lautstärke aus. So komme ich auch in eine Diskussion über Qualität bzw. über die Kriterien von Qualität mit den Jugendlichen und kann ihr Bewusstsein für Qualität schärfen. Auch wenn wir Konserven hören, also CDs oder abgespeicherte Musik, müssen wir sehen, dass deren Qualität heute so gut ist, dass sie mehr oder weniger dem Live-Erlebnis entspricht. Vieles von der heutigen „Modemusik“ wird uns in einer Form präsentiert, die absolut unmusikalisch ist, das heißt möglichst laut, möglichst keine Dynamik. Das ist langweilig und ermüdet. Und dann höre ich auch nicht mehr bewusst zu.

    Herr Professor Sennheiser. Welche Bedeutung hat das Zuhören, für ihr ganz persönliches Leben?

    Jörg Sennheiser: Für mich bedeutet Zuhören auch Zuwendung zu anderen Menschen. Zuhören ist für mich ein aktiver Dialog mit meinem Gegenüber. Man fragt und antwortet, nimmt sich Zeit zu verstehen, was der andere gesagt hat. Hier gibt es beispielsweise auch die sehr schöne Übung des „dialektischen Dialogs“. Das bedeutet, dass man ganz bewusst das wiederholt, was der andere gesagt hat und dann darauf antwortet. Das kann man auch im Kopf machen. Auf diese Art und Weise verlangsamt sich der Prozess des Miteinanderkommunizierens und kann sehr viel tiefer gehen.
    Wenn ich zuhören, dann bin ich für den anderen da. So bin ich glaubwürdig und authentisch. Das ist für mich ein „Hören auf Augenhöhe“, so dass man wirklich seine Gedanken austauschen kann und damit letzten Ende stets ein bisschen weiser wird.