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    CD des Monats August 2009

    Kirsten Boie: Ein mittelschönes Leben. Ein Kinderhörbuch über Obdachlosigkeit. In Zusammenarbeit mit Hinz&Kunzt

    Einführung

    Mit welchem Adjektiv würden Sie Ihr gesamtes Leben umschreiben? Mittelschön? Würde Ihnen dieses Wort in den Sinn kommen?
    Einige werden jetzt sagen, „mittelschön“ klingt irgendwie langweilig und spießig, nach einem ereignislosen Leben. „Mittelschön“ ist nichts Halbes und nichts Ganzes, nicht Fisch, nicht Fleisch, weder sehr gut noch besonders schlecht.
    265.000 Obdachlose in Deutschland führen ein mittelschönes Leben, sie haben gute und schlechte Tage wie jeder andere Mensch auch. Allerdings verläuft ihr Leben auf einem Existenzniveau, das die Gesellschaft alarmieren muss. Armut und Wohnungsnot haben in der Bevölkerung längst um sich gegriffen. Da es keine offiziellen Obdachlosenzahlen oder Statistiken für Menschen ohne festen Wohnsitz gibt, ist die Dunkelziffer wahrscheinlich deutlich höher. Erhebungen einzelner Wohlfahrtsverbände sprechen von einer halben bis zu einer knappen Million Bürgern. All diese Menschen sehnen sich (wieder) nach einem „mittelschönen“ Leben, das in einem anderen Kontext steht. Hier bestehen die guten und schlechten Tage aus Familienunternehmungen und -streitereien, aus Stress und Erfolg am Arbeitsplatz, aus Gehaltssteigerungen und Beitragserhöhungen.
    Diesem, von manchen gerne verdrängtem Thema, seinen komplexen Mechanismen und Auswirkungen sowie der Frage nach der (Un-)Schuld des Individuums an der Situation widmet Oetinger in Zusammenarbeit mit dem Hamburger Sozialprojekt Hinz&Kunzt (http://www.hinzundkunzt.de/) ein 47-minütiges Hörbuch bzw. -feature für Kinder ab dem Grundschulalter.

    Inhalt

    Die CD besteht aus zwei Teilen, aus Kirsten Boies Geschichte „Ein mittelschönes Leben“, gelesen von Ursula Illert, und einem Interviewfeature, in dem Grundschüler vier obdachlose Straßenmagazinverkäufer zu ihrer aktuellen Lebenssituation befragen.

    Erzählung (Track 1)
    Die Geschichte handelt von einem Mann, niemand Bestimmtem, einfach nur von einem namenlosen Mann. Er hatte früher eine Familie und einen besten Freund. In der Schule war er mittelgut, hatte Probleme in Mathematik, war dafür aber ein Ass in Sport und Sachkunde. Später hat er eine Ausbildung gemacht, einen Beruf ergriffen und Simone geheiratet. Die manchmal eintönige Arbeit hat ihm an guten Tagen mehr, an schlechten Tagen weniger Spaß gemacht. Aber in seiner Freizeit konnte er sich beim Fußballtraining und den Sonntagsturnieren vom Alltag ablenken. Dann haben Simone und der Mann zwei Kinder bekommen und waren nunmehr auch eine kleine Familie. Manchmal waren die Kinder sehr anstrengend, an anderen Tagen gab es harmonisches Familienglück. Der Mann konnte bis dahin also auf ein mittelschönes Leben blicken.
    Dann erwischten ihn jedoch die Tücken des beruflichen und privaten Alltags. Er musste Überstunden machen, um Extrageld für den Urlaub zu verdienen. Deshalb war er abends müde und ging nicht mehr zum Fußballspielen sondern trank lieber ein Feierabendbier. Zu seinem besten Freund Micha, der ihm den schwarzen Anzug für seine Hochzeit geliehen hatte, verlor er den Kontakt. Seine vernachlässigte Ehefrau verließ ihn und nahm die beiden Kinder Luka und Leonie mit. Nun war der Mann ganz alleine.
    „Und dann ist das Unglück gekommen. Das Unglück war, dass der Mann arbeitslos geworden ist.“ Doch nach einer Weile der Trostlosigkeit konnte der Mann wieder eine bezahlte Festanstellung finden, eine mittelgute, allerdings in einer anderen Stadt. Deshalb musste er sich neue Möbel kaufen, neue Kleidung und ein Auto, um Leonie und Luka sonntags zu besuchen. Eine Zeit lang hatte er beinahe sein altes Leben zurück.
    „Dann ist das zweite Unglück gekommen. Das zweite Unglück war, dass der Mann wieder seine Arbeit verloren hat.“ Obwohl er der Firma gute Dienste geleistet hatte, wurde er gekündigt. In Zeiten von Massenentlassungen haben neu eingestellte Mitarbeiter kaum eine Chance. Eine neue Stelle war nicht in Sicht, der Mann kannte keinen in der Stadt, fühlte sich einsam und begann wieder mit dem Biertrinken. Er hatte jetzt außerdem kein Geld, aber wegen der neuen Sachen jede Menge Rechnungen. „Da hat er die Briefe einfach nicht mehr aufgemacht, wenn sie gekommen sind, weil er dann denken konnte, es gibt sie gar nicht. Aber damit er das denken konnte, musste er noch ein bisschen mehr Bier trinken.“ Was dann folgte, war eine unaufhaltsame Abwärtsspirale in die Obdachlosigkeit: Die Kinder wollten den Mann nicht mehr sehen, die Gläubiger nahmen ihm den Besitz weg und warfen ihn aus der Wohnung. Ohne Arbeit und Geld hat er keine neue Bleibe bekommen, aber ohne einen festen Wohnsitz bekam er auch keine neue Arbeit. In dieser Zwickmühle gefangen, landete der Mann schließlich auf der Straße.
    Dort lebt der Mann heute immer noch, sommers im Park, im Winter auf einer Pappe vor dem Kaufhauseingang. Er bettelt. Seine größte Sorge ist nicht der widrige Alltag eines verarmten, obdachlosen Menschen sondern die Tatsache, dass ihn eines seiner Kinder auf der Straße sitzen sieht. „Aber, wenn sie doch irgendwann mal kommen, ist das vielleicht auch nicht so schlimm“, denkt der Mann. „Bestimmt erkennen sie dann ihren Papa gar nicht.“ Mit diesen traurigen, bitteren Worten endet die Geschichte und hinterlässt ein beklemmendes Gefühl der Einsamkeit.

    Kirsten Boies einfühlsamer Text schildert anschaulich und zielgruppengerecht den Weg in die Obdachlosigkeit an einem fiktiven Einzelschicksal. Ihre Erzählung ist voller Mitgefühl und Verständnis, nie anklagend oder abwertend. Die gut 15 Minuten lange Schilderung dient als perfekter Einstieg in die anschließenden Interviews.

    Feature: Kinder fragen, Obdachlose antworten

    Das an die Geschichte anschließende, halbstündige Feature sind Mitschnitte persönlich geführter Interviews. Die Fragen stellen die vier Grundschüler Lea, Karla Marie, Leon und Flemming. Den Fragen wiederum stellen sich Sonja (35), die die meisten Sunny nennen, und die drei Männer Peter (48), Dirk (30) und Torsten (45). Sie arbeiten alle als Verkäufer des Straßenmagazins „Hinz&Kunzt“ und sind in einem mittleren Alter zwischen 30 und 50 Jahren. Ansonsten haben sie aber nicht viel gemeinsam. Wie jeder andere Mensch auch, haben sie unterschiedliche Bedürfnisse, Träume, Ansichten und Ziele. Sogar ihre Meinungen in Bezug auf die Umstände divergieren, obwohl der Grundton einhellig klingt: An das Leben auf der Straße „gewöhnt“ man sich irgendwie, und trotzdem wird man sich nie an ein Leben auf der Straße „gewöhnen“.

    Track 2: Obdachlosigkeit – was heißt das eigentlich?

    „Was haben Sie über Obdachlose gedacht, bevor Sie selbst obdachlos wurden?“ lautet die Einstiegsfrage. Die Antworten reichen von „gar nicht so wahrgenommen“ bis hin zu „Er muss ja selber schuld sein.“ Im Anschluss charakterisieren die vier Befragten das Leben auf der Straße und schildern dann die Situation in Obdachlosenheimen und ähnlichen Einrichtungen. Keiner von ihnen schläft gerne dort, sie versuchen es zu vermeiden. Alle erwähnen die unsauberen Verhältnisse und dauernde Klauerei. Sunny spricht zudem von viel Gewalt, die in diesen Einrichtungen herrscht. Damit endet der Einführungsteil „Obdachlosigkeit – was heißt das eigentlich?“.

    Track 3: Wo schläft man, wenn man obdachlos ist?

    Dieser Teil beschäftigt sich nicht mit Fragen des alltäglichen Lebens: Wo gehen Sie auf die Toilette? Wo duschen Sie? Woher bekommen Sie etwas zu essen? Die Antworten auf diese Fragen fallen überraschend positiv aus. Es gäbe genügend Anlaufstellen, in Hamburg würde schon keiner verhungern. Torsten merkt allerdings an einer anderen Stelle des Interviews an, dass es eine veränderte Situation ist, wenn man nicht im Moment des Hungers etwas essen kann, sondern nur zu den Ausgabezeiten der Hilfseinrichtungen. Er erklärt den kleinen Reportern und uns Zuhörern außerdem, warum überdurchschnittlich viele Obdachlose Haustiere, meistens Hunde haben. Er erzählt, dass es schön sei, nicht alleine auf der Straße leben zu müssen und einen Partner zu haben, mit dem man alles teilen könne. Tiere seien besonders toll, weil sie ihre ohnehin schon häufig gegängelten Besitzer nicht zusätzlich maßregelten. Gleichzeitig weist er aber auch darauf hin, dass es gerade mit Hunden manchmal schwierig ist, auf der Straße zu leben.
    Zum anderen wird in diesem Teil nach den ganz persönlichen Schicksalen gefragt: was die vier denn vor ihrer Obdachlosigkeit gearbeitet hätten und wie sie in diese Situation geraten seien? Die heutigen Straßenmagazinverkäufer waren früher Tischler, Fahrradkurier oder haben in der Gastronomie gearbeitet. Obdachlos sind sie auf unterschiedliche Weisen geworden: Peter hatte einen Unfall und ist berufsunfähig geworden, bei Sonja folgte nach einer Trennung das Leben auf der Straße. Torsten unterteilt die Frage in Auslöser (illegaler Aufenthalt in Neuseeland und nach Abschiebungsandrohung mittellose Rückkehr nach Deutschland) und Ursache für seine Obdachlosigkeit. In seinem Fall sei es die Spielsucht.

    Track 4: Wer hilft einem, wenn man obdachlos ist?
    Hier wird die emotionale Seite in den Blick gerückt und nach Ängsten, unglücklichen Tagen und dem Kontakt zur Familie gefragt. Auch hier sind die Antworten sehr vielfältig und machen besonders deutlich, dass Obdachlose nicht aufgrund ihrer ähnlichen Lebenssituation automatisch eine homogene Gruppe darstellen müssen. Es finden sich menschliche Gefühle aller Couleur: Freude, Hoffnung, Traurigkeit, Scham, Stolz etc. Und Dirk gibt ein ganz pragmatisches Beispiel für einen glücklichen Tag. Zum Schluss wird eine persönliche Einschätzung gefordert: „Wie können Sie wieder ein Zuhause finden?“

    Track 5: Welche Rolle spielen Drogen und Alkohol?

    Track fünf überrascht positiv. Er ist der wichtigste überhaupt, denn neben der Dogenthematik werden hier wichtige Fragen gestellt: „Was wünschen Sie sich von Menschen, die ein Zuhause haben und denen Sie auf der Straße begegnen?“ An keiner anderen Stelle des Interviewfeatures sind die Antworten so klar und einstimmig: „Dass sie einen auch als Mensch anerkennen oder ansehen“, „Dass sie mich wahrnehmen […]“ und „[…] dass sie registrieren, dass ich da bin.“ Der berechtigte Wunsch nach etwas Würde und Respekt!  „Was können wir Kinder tun, um Ihnen zu helfen?“ lautet ebenfalls eine Frage in diesem Kapitel. Eine Generation, die sich bereits so jung dafür entscheidet nicht wegzusehen sondern Hilfe anzubieten, stimmt hoffnungsfroh für Morgen ein. Dabei muss diese Hilfe gar nicht aufwendig sein, oft „reicht schon mal ein nettes Hallo“ und ein Lächeln. Sunny ermutigt mit ihrer Antwort die Grundschüler: „Ihr könnt das, was ihr im Moment macht – was ich ganz toll finde – auf jeden Fall weiterführen.“ Des Weiteren wird an dieser Stelle auch auf die Kinderobdachlosigkeit eingegangen, leider endet das Thema aber schnell wieder. Außerdem wollen die Kinder wissen, wie die Obdachlosen mit Krankheit umgehen. Hier erfährt man z.B. von einer rollenden Zahnarztpraxis in Hamburg, dem Zahnmobil.

    Track 6: Was passiert, wenn man krank ist?

    Neben des Themas der Krankheit wird im vorletzten Teil nach Freunden gefragt und nach der Art, Weihnachten zu feiern. Weiterhin, ob sich die vier Menschen in Kirsten Boies Erzählung wiedererkennen würden. Torsten zieht eine Parallele bezüglich der Leidenschaft für den Fußballsport. Schließlich war er 2007 schon einmal deutscher Nationalspieler – bei der fünften Obdachlosen-Weltmeisterschaft in Kopenhagen.

    Track 7: Wer hilft im Alltag?
    Am Ende der CD werden die Verkäufer von den Kindern gefragt, was sie sich wünschen. „Dass ich weiterhin gesund bleibe“, sagt Dirk. Er hat vor kurzem den Absprung geschafft und eine Wohnung gefunden. Jetzt wünscht er sich noch eine Arbeitsstelle, damit er nicht wieder zurück auf die Straße muss. Auch Sonja und Peter träumen von einer Wohnung, um wieder ein geregeltes Leben führen zu können. Sunny könnte dann auch wieder ihren Jack-Russell-Terrier aus dem Tierheim zu sich holen. Torsten erweitert die Frage auf die gesellschaftspolitische Entwicklung Deutschlands und postuliert seinen Wunsch nach einem bedingungslosen Grundeinkommen ohne Antragsschikane. Damit hätten es er und viele andere Menschen auf der Straße wesentlich einfacher. Seine Vision wird in der Bevölkerung geteilt und wurde in den letzten Jahren von verschiedenen Kräften propagiert. Vielleicht erfüllt sich sein Wunsch?    

    Schonungslos offen und ehrlich beantworten die Hamburger „Hinz&Kunzt“-Verkäufer die Interviewfragen der vier Kinder. Die verwirrenden Kapitelüberschriften ergeben sich aufgrund der vorangestellten Sachtextblöcke. In jedem Track fasst Wolf Frass die Informationen aus dem vorherigen Kapitel für die Zuhörer zusammen und ergänzt sie. Die Überschriften sind daher analog zu den Sachtexten zu verstehen.

     

    Trackliste


    Erzählung
    001 Ein mittelschönes Leben, gelesen von Ursula Illert (15:02)

    Feature: Kinder fragen, Obdachlose antworten
    002 Obdachlosigkeit – was heißt das eigentlich? (05:13)
    003 Wo schläft man, wenn man obdachlos ist? (07:10)
    004 Wer hilft einem, wenn man obdachlos ist? (07:01)
    005 Welche Rolle spielen Drogen und Alkohol? (05:15)
    006 Was passiert, wenn man krank ist? (04:08)
    007 Wer hilft im Alltag? (03:10)

     

    Zur Produktion


    Ursula Illert beeindruckt beim Vortragen der Erzählung Kirsten Boies. Einerseits liest sie den Text der kindlichen Wahrnehmungsweise angepasst vor und betont an entsprechenden Stellen die Worte und Sätze sinnvoll. Auf diese Art würden sich Kinder auch ein spannendes Abenteuer mit Feen und Drachen anhören. Andererseits schafft es Ursula Illert, im Kontext der Gesamtgeschichte fast völlige Neutralität zu bewahren, wie man es aufgrund der Distanz der Erzählperspektive erwarten darf. Bei ihr sind z.B. keine Schuldzuweisungen oder Vorwürfe an den Mann, seine Arbeitgeber oder die Umstände herauszuhören. Sie sucht nicht in Sätzen nach Hoffnung, Trost oder Glück, in denen keines dieser Gefühle Platz hat, umgekehrt malt sie auch keine Visionen ewiger Scham und Schande. Sie beschreibt lediglich die Abwärtsspirale des Mannes – und zwar sehr gut.
    Der Hauptteil der Produktion, die Befragung der Straßenmagazinverkäufer durch die Grundschüler, ist im Originalton zu hören. Die Interviews wurden redaktionell bearbeitet, d.h. geschnitten und mit von Wolf Frass wunderbar vorgelesenen Sachtexten gespickt. An eine Interviewfrage schließen sich die Antworten der vier Hamburger in unterschiedlicher, thematisch sortierter Reihenfolge an. Nicht immer, aber meistens hört man alle vier Antworten. Der große Vorteil der CD ist, dass die im O-Ton gehörten Interviewgespräche wesentlich authentischer sind als deren Abschriften in einer Lesefassung. Hier erkennt man sehr deutlich den Mehrwert der Überführung eines Mediums in ein anderes, in diesem Falle der Umsetzung von Kirsten Boies Buch in ein Hörfeature.
    Die Musik, die die einzelnen Kapitel und Fragenblöcke akustisch voneinander trennt, kommt mit nur wenigen Instrumenten aus, klingt melancholisch und weit tragend, lässt die Gedanken augenblicklich und mit hoher Geschwindigkeit in die Ferne schweifen. Sie erinnert an die Art der musikalischen Untermalung in Reisedokumentationen über weite Polareisflächen und ausgedehnte Wüstenlandschaften. Das zentrale Motiv ist, wie auch in der gesamten Produktion, die Einsamkeit.
    Leider muss auch ein kleiner klanglicher Makel angesprochen werden. Denjenigen, die schon einmal einem Kinderhörbuch bzw. -hörspiel aus dem Hause Oetinger gelauscht haben, wird der Jingle am Ende der CD aufgefallen sein. Er ist kurz und sehr fröhlich und ein gewitzt klingendes Kind sagt: „Und das war’s, tschüs!“ Was jüngeren Zuhörer signalisiert, dass das Hörerlebnis nun vorbei ist, reißt allerdings ältere Kinder und Erwachsene unverhofft aus der Thematik heraus, die einen bis dahin denken ließ: „Schade, dass es keine zweite CD mit weiteren Gesprächen und noch mehr Informationen gibt.“
    Das Booklet wiederum ist zwar dünn, aber gelungen. Hinz&Kunzt-Mitarbeiter Dirk sagt sogar, dass er sich in der Coverillustration von Jutta Bauer wieder erkenne. Im Innern des Doppelblatts findet man neben den Fotos der vier Schülerreporter einen Einführungstext von Gabriele Koch von Hinz&Kunzt zur Arbeit des Hamburger Projekts und des gleichnamigen Straßenmagazins.

     

    Ideen zur Umsetzung

    Bei dieser CD sollen keine direkten Vorschläge zur konzeptionellen Umsetzung des Hörmediums gemacht werden. Nicht etwa, weil es hier nicht viele Ideen dazu gibt: Von Gruppendiskussionen unter besonderer Berücksichtigung eigener Erfahrungen der Kinder durch ihre Familien bzw. ihr Umfeld, über die Aufgabe der realen Auseinandersetzung mit Wohnungslosen in der eigenen Stadt, bis hin zu nachahmenden Projekten in Kooperation mit ortsansässigen sozialen Einrichtungen und Medienanstalten: Alles ist denkbar, weil es das Thema und seine steigende Brisanz für die kommende Generation zulassen.
    Vielmehr könnte es bei dieser CD vor allem darum gehen, mit den Kindern ins Gespräch zu kommen und eigene Ideen zu entwickeln, wie man das Thema bearbeiten könnte.
    Die Gratwanderung, Kinder in pädagogischen Kontexten mit der gesellschaftlichen Realität zu konfrontieren, erfordert viel Einfühlungsvermögen. Aber es lohnt sich, sich gerade mit solchen Fragen auseinanderzusetzen . Es wird in der Anschlusskommunikation also darum gehen, sich überhaupt mit dem Thema zu beschäftigen. Die CD liefert hier eine ausgezeichnete Basis und in Anbetracht des sozialen Wandels in unserer Gesellschaft mit der Tendenz zur sozialen Spaltung ist die Auseinandersetzung mit dieser Thematik in pädagogischen Kontexten mehr als lohnenswert. Es geht eben auch darum, Kinder für das gesamte Spektrum menschlicher Existenz zu sensibilisieren.

    Fazit

    Die Produktion „Ein mittelschönes Leben“ bereichert den Hörbuchmarkt ungemein. Hier wird kindgerecht auf einen gesellschaftspolitischen Misstand aufmerksam gemacht und in die Thematik Armut bzw. Obdachlosigkeit eingeführt. Für eine tiefer gehende Auseinandersetzung mit den Problemen und Mechanismen bedarf es weiterer Projekte dieser Art. Besonders die im Interview mit Torsten angerissene Suchtlogik suchtkranker Menschen, das Thema Kinderobdachlosigkeit und die verknüpften Kausalitäten von Arbeits- und Wohnungslosigkeit sind denkbare Folgeproduktionen.
    Daher sollte die CD in keiner Bibliothek, Medienkiste oder Klassensammlung fehlen. Es sind gut und nachhaltig angelegte 7,95 Euro, von denen auch das Hamburger Projekt profitiert!

     

    Angaben zur Produktion

    Ungekürzte Lesung mit Interviews

    Verlag: Oetinger Media GmbH (http://www.oetinger-audio.de/), Hamburg
    Autorin: Kirsten Boie
    Erscheinungsdatum: August 2009
    Empfohlenes Alter: Ab 6 Jahren
    Umfang: 1 CD (ca. 47 Minuten)

    Sprecher/innen:
    Flemming, Karla Marie, Lea, Leon (interviewen die Obdachlosen)
    Ursula Illert (erzählt die Geschichte)
    Wolf Frass (liest den Sachtext)

    Musik: Jens Fischer, Uli Kringler
    Ton: Christopher Hamann, Benjamin Dittrich
    Aufnahme: CSC Studio, Hamburg

    Schnitt und Mischung: Christopher Hamann
    Regie: Markus Langer, Frank Gustavus

    Illustrationen: Jutta Bauer
    Sachtexte: Gabriele Koch

    Produktion: Oetinger Media GmbH, Hamburg


    Bibliographische Angaben

    Audio-CD:
    Kirsten Boie: Ein mittelschönes Leben. Ein Kinderhörbuch über Obdachlosigkeit.
    7 Tracks, 47 Min.
    Oetinger Media GmbH, Hamburg 2009
    ISBN: 978-3-8373-0498-5
    Preis: 7,95 Euro

    (Rezension: Peter Marus, Institut für angewandte Kindermdienforschung)

    Die "CD des Monats" erscheint außerdem beim Institut für angewandte Kindermedienforschung der Hochschule der Medien, Stuttgart:
    http://www.ifak-kindermedien.de/

    Des Weiteren erscheint die "Cd des Monats" bei "Schau Hin". Die Initiative bietet Eltern eine Hilfestellung zum Umgang mit Medien für Kinder.