
CD des Monats Juni 2009
Sally Nicholls: Wie man unsterblich wird. Jede Minute
Einführung
„Ich heiße Sam. Ich bin elf Jahre alt. Ich sammle Geschichten und interessante Tatsachen. Wenn du das hier liest, bin ich vermutlich tot.“ So steht es im Buch von Sally Nicholls, das die Basis für das Hörspiel liefert. Leben, Sterben, Trauer, Freundschaft und Glück sind die Themen, die hier im Zentrum stehen. Sam ist krank und weiß, dass er vermutlich nicht mehr lange zu leben hat. Er verzweifelt nicht, sondern stellt Fragen, die ihn schon immer interessiert haben, und notiert sich Antworten und auch seine Wünsche in ein Buch. Die schon als Buch bewegende Geschichte wird in diesem Hörspiel eindrucksvoll umgesetzt. Man kann von Glück reden, dass die Vertonung dieses Buches keine Lesung ist, sondern ein liebevoll umgesetztes Hörspiel, das einem den Einstieg in die Gedankenwelt von Sam auf beeindruckende Weise erleichtert.
Inhalt
Sam sammelt Tatsachen und notiert diese in sein Buch. Unter den Tatsachen zu seiner Person findet sich auch die Information, dass er Leukämie hat, an der er voraussichtlich sterben wird. „Dass man stirbt ist die schwammigste Sache überhaupt“, zu dieser Erkenntnis kommt Sam, da einem keiner der Erwachsenen etwas zu dem Thema sagt, wenn man sie fragt. Fragen sind aber Sams Leidenschaft, da er später einmal Forscher werden will, der sich mit Geistern in Spukhäusern beschäftigt. Er will Antworten auf alle Fragen finden, auf die man nie eine Antwort erhält.
Felix, ein Junge der ebenfalls erkrankt ist, und Sam erhalten Schulunterricht im heimischen Wohnzimmer. Die Frage, die sich in diesem Zusammenhang für Felix stellt, lautet: „Was hat man denn davon, dass man krank ist, wenn man trotzdem Mathe machen muss?“ Auf den Hinweis der Lehrerin, dass sie doch weiß, dass die beiden gerne lesen, antwortet Felix nur lakonisch: „ja bloß, weil es im Krankenhaus nichts Besseres zu tun gibt“. Krankenhausexperten sind beide, dort haben Sie sich auch kennengelernt. Auf die Anregung der Lehrerin, ein Buch über sich zu schreiben, beginnt Sam mit seinen Aufzeichnungen. Die erste Frage, die ihn beschäftigt, lautet: „Woher weiß man, dass man gestorben ist?“ Er und Felix beginnen damit, im Internet zu recherchieren und stoßen auf Informationen zu Nahtoderfahrungen, die sie kontrovers diskutieren.
Sam hat viele Wünsche, die er notiert. Er möchte ein berühmter Forscher werden, einen Weltrekord aufstellen, alle Horrorfilme anschauen, die er nicht sehen darf, Rolltreppen verkehrtherum rauf und runter rennen, mit einem Luftschiff fahren und… ein Teenager werden. Felix liest diese Wünsche und macht sich vor allem über den letzten lustig. Doch schnell beginnen sie darüber nachzudenken, welcher Wunsch sich umsetzen lässt. So wollen sie zum Beispiel einen Weltrekord mit der kleinsten Tanzfläche der Welt in Sams Schrank aufstellen.
Die Krankheit macht sich immer wieder bemerkbar und Sam ist oft müde. Er schreibt seine Fragen auf, wie z.B.: „Warum lässt Gott Kinder krank werden?“ Sein Engagement beim Schreiben lässt seinen Vater auf die Idee kommen, dass Sam wieder zur Schule gehen könnte. Aber Sam will nicht, da er von den anderen Kindern keine Fragen gestellt bekommen möchte. Sam bekommt oft Nasenbluten. Dann kommt die Krankenschwester und behandelt ihn.
Als er mit Felix wieder Unterricht hat, diskutieren sie die Frage: „Warum lässt Gott Kinder krank werden?“ Die Antwortpalette reicht von „Gott gibt es nicht!“ bis hin zu „Es ist eine Strafe für schlechtes Verhalten.“ Die Jungs geraten darüber in Streit. Doch sie vertragen sich wieder und schauen sich nach dem Unterricht einen Horrorfilm an, ein Wunsch auf Sams Liste. Doch den empfindet Sam als langweilig. Als es spannend wird, kommt Felix’ Mutter. Felix will Sam weitere Wünsche erfüllen und bietet ihm eine Zigarette an, danach gehen sie in einen Pub, der Felix’ Onkel gehört. Seine Cousine macht ihnen auf und gibt ihnen Alkohol. Sams Wunsch nach einer Freundin erfüllt Felix, in dem er seine Cousine bittet, Sam zu küssen, was sie auch tut.
Sam muss wieder zu einer Untersuchung ins Krankenhaus. Sams Vater möchte eine weitere Chemotherapie, doch Sam möchte keine mehr. Felix fragt Sam: „Wie stirbst Du eigentlich?“ bzw. will er wissen, wie Sam seinen Tod im Buch beschreiben wird. Aber Sam macht deutlich, dass man das nicht beschreiben kann und wenn man es tut, einem keiner glaubt, da man seinen eigenen Tod nicht beschreiben kann. Doch Felix hat die Idee, dass Sams Mutter mit einem Aufnahmegerät an Sams Sterbebett sitzen könnte. Sam will nichts davon wissen, als Felix anfängt, den Text, den er sprechen wird, auszuführen. Felix lässt nicht locker und schlägt vor, einen Fragebogen zum Sterben zu machen.
Wenige Tage danach kommt Felix wegen einer Infektion ins Krankenhaus. Sam erinnert sich an ein Gespräch mit Felix, in dem sie vier Punkte besprochen haben, wie man ewig leben kann:
lasse dich einfrieren, bis ein Mittel gegen Krebs erfunden ist,
werde Vampir,
lass dein Gehirn auf CD-Rom kopieren und lebe auf dem Computer weiter,
sage jeden Tag, morgen sage ich diesen Satz nochmal.
Einen Tag später ruft Felix’ Mutter an, um zu fragen, ob Sam Felix nochmals sehen will, bevor er stirbt. Dann müsse er schnell ins Krankenhaus kommen. Sam geht in „seine“ alte Station und erinnert sich an Gespräche mit Felix und an Streiche, die sie auf der Station dem Personal gespielt hatten. Sam setzt sich an Felix’ Bett und spricht zu ihm. Felix sieht aus als würde er schlafen. Felix’ Mutter lässt die beiden alleine. Sam wünscht sich, dass Felix nochmals wach werden würde, Felix öffnet kurz die Augen und sagt: „Ist schon gut“ und fängt an zu lächeln. Daraufhin schließt Felix die Augen und stirbt.
Ein paar Tage nach Felix’ Beerdigung scheint sich die ganze Welt für Sam verändert zu haben. Er sieht an der Wand Lichtflecken und es stellt sich heraus, dass es geschneit hat. Ella, Sams Schwester, will mit ihm Schlitten fahren. Doch der Vater will, dass Ella in die Schule geht. Die Mutter möchte aber mit den Kindern Schlitten fahren gehen und gibt vor, Ella in die Schule zu bringen. Als Sams Vater weg ist, tauchen die beiden wieder auf und alle drei gehen zum Schlitten fahren. Sie amüsieren sich sehr.
Einen Tag später geht es Sam ganz schlecht, er hatte einen heftigen Traum. Auch sein Vater hatte einen Traum, dass Sam weggehen würde. Am nächsten Tag nimmt sich sein Vater einen Tag frei, einfach so. Die beiden machen sich einen schönen Tag. Sam zeigt seinem Vater sein Buch, das diesen sehr beeindruckt. Sam sagt seinem Vater, dass er sich schon fast alle Wünsche erfüllt hat, es fehlen nur noch „mit dem Luftschiff fahren“, „die Erde aus dem Weltall betrachten“ und „Forscher sein“. Doch der Vater meint, dass er doch schon längst Forscher sei. Sams Vater organisiert eine Fahrt mit einem Luftschiff. Sam ist total begeistert.
Bei der nächsten Untersuchung wird deutlich, dass Sam weitere Medikamente benötigt. Doch Sam will damit aufhören. Auf die Frage der Mutter, wie viel Zeit Ihnen noch bleibt, sagt die Krankenschwester „zwei Monate, vielleicht ein paar Wochen“. Die Mutter verzweifelt. Sam stellt sich vor, was Felix sagen würde: „Mach das Beste draus. Stell dir vor, sie werden dir nichts mehr verbieten“.
Felix geht es schlechter und er beginnt zu phantasieren. Er stellt sich vor, dass er auf einen Apfelbaum klettert und sieht den Mond und überall Sterne. Er erinnert sich an Geschichten seiner Großmutter und hat das Gefühl die Erde von oben zu sehen. Sam hat keine Angst vor dem Sterben. Er denkt darüber nach, dass er, als er die Wunschliste formuliert hat, nie geglaubt hätte, dass er auch nur die Hälfte davon machen würde, und jetzt hat er alles gemacht.
Als er aufwacht, liegt er im Bett der Eltern und fühlt sich ganz merkwürdig. Es war ihm, als würde sein Körper nicht mehr zu ihm gehören. Sein Vater sagt zu ihm: „Sam, ich hab dich lieb!“. Dann macht Sam die Augen zu.
Trackliste
001 Fünf Tatsachen über mich (08:46)
002 Was ich gerne möchte (07:56)
003 Nasenbluten (04:32)
004 Warum lässt Gott Kinder krank werden? (04:26)
005 Teenager werden (09:01)
006 Wie ich Felix kennen lernte (07:59)
007 Wie man ewig leben kann (06:44)
008 Abschied von Felix (05.17)
009 Der Traum (06:52)
010 Die Entscheidung (06:38)
011 Der Mond und der Apfelbaum (09:09)
Zur Produktion
Bei diesem vom WDR produzierten Hörspiel handelt es sich um eine kongeniale Umsetzung des Buches. Die Mischung an Text und Musik ist gelungen. Auch die Sprecherinnen und Sprecher treffen immer den richtigen Ton, so dass die Zuhörenden in die Geschichte hineingezogen werden und sich der emotionalen Wucht des Themas nicht entziehen können. Dabei ist die Inszenierung an keiner Stelle pathetisch oder überinszeniert. Es handelt sich hier – auch von der Produktion her – um ein gelungenes Hörspiel, von deren Sorte es leider nur wenige auf dem Kinderhörmedienmarkt gibt.
Ideen zur Umsetzung
Das Hörspiel bietet vielfältige Ansatzpunkte, die man in pädagogischen Kontexten nutzen kann. Einsetzbar ist das Hörspiel für Kinder ab elf Jahren. Sowohl im Schulbereich als auch in der außerschulischen Bildung, aber auch in der Familie lässt es sich gut einsetzen. Da es sich bei den Themen „Sterben“ und besonders „Sterben von Kindern“ um noch weitgehend tabuisierte Themen in unserer Gesellschaft handelt, bietet dieses Hörspiel einen idealen Ausgangspunkt, sich diesen Themen zu nähern:
- Das Thema „Sterben“ kann auf der Basis des Hörspiels mit den Kindern besprochen werden. Dabei können die verschiedenen Aspekte, die Ängste der Kinder, die Vorstellung vom Tod usw. angesprochen werden.
- Kinder können vor dem Hören der CD aufgefordert werden, ihre individuellen Wunschlisten zu erstellen, mit der Frage: „Wenn ihr jetzt wüsstet, dass ihr in einem Jahr nicht mehr da seid, welche Wünsche hättet ihr, die bis dahin in Erfüllung gehen sollten?“. Diese Wünsche können jeweils auf einzelne Karten geschrieben werden, die dann auf einen Wunschbaum, der auf einem großen Papier aufgemalt ist, geklebt werden.
- Die Kinder können aufgefordert werden, Phantasien zu entwickeln, wie man ewig leben kann. Dies sollte vor dem Hören der entsprechenden Stelle (Track 007) gemacht werden.
- Auch das Thema „Freundschaft“ kann auf der Basis der Geschichte zum Gesprächsgegenstand gemacht werden. „Worin liegen die besonderen Qualitäten von Freundschaft gerade in schwierigen Zeiten? Wie geht man damit um, wenn Freunde krank werden oder einen Unfall haben?“
- In den Unterricht oder die Institution können Sterbebegleiter/innen aus einem Kinderhospiz eingeladen werden, die den Kindern erzählen, welche Aspekte bei der Begleitung besonders wichtig sind.
Fazit
Bereits das Buch „Wie man unsterblich wird“ war ein großer Erfolg. Mit dieser ausgezeichneten Hörspielumsetzung ist es gelungen, die Qualität des Buches auch auf einem anderen Medium voll zum Tragen zu bringen. Dies gelingt nur selten und ist deshalb nicht hoch genug zu bewerten. Die Sprecher/innen setzen den Text ausgezeichnet um. Der Regie gelingt es, die Klaviatur der Hörspielproduktion optimal einzusetzen.
Die Kombination von intensiver Geschichte und liebevoller Umsetzung schafft ein emotionales Hörerlebnis, das nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene fesselt und bei aller Traurigkeit des Themas Lebensfreude vermittelt.
Angaben zur Produktion
Verlag: Igel-Records (http://www.igel-records.de/) bei Aktive Musik Verlagsgesellschaft mbH (http://aktive-musik.de/), Dortmund
Autorin: Sally Nicholls
Erscheinungsjahr: 2009
Empfohlenes Alter: Ab 11 Jahren
Umfang: 1 CD (ca. 77 Minuten)
Sprecher/innen:
Sam: Kai Hogenacker
Felix: Patrick Mölleken
Mum: Gabriela Maria Schmeide
Dad: Heinrich Schmieder
Kayleigh: Felicitas Stein
Ella: Mariann Schneider
Mrs. Willis: Anja Niederfahrenhorst
Felix’ Mum: Sybille Jacqueline Schedwill
Annie: Hella von Sinnen
Granny: Sigrid Bode
Dr. Bill: Roland Jankowsky
in weiteren Rollen:
Hans-Rolf Fuchs
Karlheinz Tafel
Kerstin Thielemann
Hörspielbearbeitung: Karlheinz Koinegg
Musik: Andreas Hornschuh / Matthias Hornschuh
Technische Realisation: Achim Fell / Martin Kopiniok
Regieassistenz: Fahri Sarimese
Regie: Angeli Backhausen
Dramaturgie und Redaktion: Monika Frederking
Bibliographische Angaben:
1 Audio-CD:
Sally Nicholls: Wie man unsterblich wird. Jede Minute zählt. 1 CD, 11 Tracks, 77 Min., ISBN: 978-3-89353-260-5, € 12,95.
(Rezension: Richard Stang)
Die "CD des Monats" erscheint außerdem beim Institut für angewandte Kindermedienforschung der Hochschule der Medien, Stuttgart:
http://www.ifak-kindermedien.de/
Des Weiteren erscheint die "Cd des Monats" bei "Schau Hin". Die Initiative bietet Eltern eine Hilfestellung zum Umgang mit Medien für Kinder.
