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    CD des Monats März 2010

    Sandi Toksvig: Hitlers Kanarienvogel - Ein fast wahres Hörspiel

    Einführung

    Eine Freundschaft zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges: Die Jungen Bamse und Anton waren unzertrennlich, doch dann kamen die Deutschen!
    Jahrzehnte später schildert Bamse als Großvater seiner Enkelin seine Erfahrungen während der deutschen Besatzungszeit in Dänemark im April 1940. Bewegend erzählt Opa Bamse aus der schlimmsten Zeit seines Lebens, und seine Enkelin stellt immer wieder Fragen, um ihren Großvater und dessen Situation besser verstehen zu können. Spannend bis zur letzen Minute ist „Hitlers Kanarienvogel“ nicht nur ein Hörspiel für Kinder, die sich für die deutsche Geschichte interessieren. Auch Erwachsenen bietet „Hitlers Kanarienvogel“ ein besonderes Hörerlebnis, wenn sich Großvater Bamse an seine Kriegserlebnisse als Kind erinnert.
    Der Titel des Hörspiels ist der Name, den die Engländer in den Kriegsjahren den Dänen gaben, denn die dänischen Behörden waren um eine enge Zusammenarbeit mit der deutschen Besatzungsmacht bemüht.

    Inhalt

    Bamse erinnert sich noch sehr gut an den Tag als die Deutschen in Dänemark einfallen. Die ganze Stadt ist an jenem Tag in Aufruhr. Die Sorgen seiner Eltern und die Ängste der jüdischen Familie seines Freundes Anton sind seitdem groß. Antons Familie vermutet das Schlimmste, denn man weiß bereits, was mit den Juden in Deutschland passiert ist. Bamse kann diese Problematik zunächst nicht verstehen. Er ist der Meinung, dass Anton und seine Familie in Dänemark sicher sind.

    An einem Abend sitzt Bamses Familie gemeinsam beim Essen. Am Tisch sitzen auch Bamses Onkel Johann, sein Bruder Orlando und Thomas, ein Freund der Familie. Natürlich ist die deutsche Besatzung das Thema. Orlando setzt sich stark für die Widerstandsbewegung ein, Onkel Johann glaubt hingegen an die Parolen der Deutschen. Hierbei erfährt Onkel Johann von Bamses Freund Anton. Er warnt Bamse davor, mit einem Juden befreundet zu sein. An diesem Abend geht die Familie im Streit auseinander.

    Wenige Tage später beobachtet Bamse seine Schwester Masha in zärtlicher Vertrautheit mit einem jungen deutschen Soldaten. Bamse ist verzweifelt und wendet sich an seinen Vater, der daraufhin Masha zur Rede stellt. Mascha verteidigt ihren Freund und wirft dem Vater Verbohrtheit vor, falls er glaube, dass alle Deutschen gleich seien.
    Bamse und Anton entscheiden sich indessen, Orlando bei seinem Widerstand zu helfen. Orlando überträgt ihnen die Aufgabe, englischsprachige Radiosender zu hören, um die neusten Meldungen über den Kriegsverlauf in Erfahrung zu bringen. Hierbei lernen Anton und Bamse, was es mit der „Endlösung“ auf sich hat. Im Hörspiel erklärt anschließend auch Großvater Bamse seiner Enkelin dieses Wort.

    Plötzlich wird Orlando von den Deutschen verhaftet. Anton und Bamse rätseln, wer Orlando verraten haben könnte. Anton entschließt sich dazu, weiterhin die Nachrichten abzuhören, um ganz im Sinne Orlandos zu handeln. Bamse hat jedoch seit dem Vorfall große Bedenken.
    Da entschließen sich die beiden, Widerstand gegen die Deutschen zu leisten, indem sie eine für Transporte genutzte Brücke in die Luft zu sprengen versuchen. Die beiden Jungen haben mit ihrer Aktion aber keinen Erfolg, da sie viel zu wenig Sprengstoff benutzen und die Brücke nach dem Knall nur ein Loch im Asphalt aufweist.

    Tage später bekommen Bamse und Anton einen heftigen Streit zwischen Onkel Johann und Bamses Vater mit. Den beiden kommt ein schrecklicher Verdacht: Hat Onkel Johann etwa Orlando verraten? Wenige Tage später erhält die Familie dann die erleichternde Nachricht, dass Orlando aus der Gefangenschaft fliehen konnte. Doch neues Unheil steht an. Mashas Freund, der deutsche Soldat, warnt Bamses Schwester, dass die Gestapo herausgefunden hat, dass die Familie Juden Unterschlupf gewährt. Nun sollen Hausdurchsuchungen stattfinden. Es stellt sich heraus, das die befreundeten Familien von der Küchenhilfe Lisa verraten wurden, nicht von Onkel Johann.
    Doch Bamses Eltern geben nicht auf und unterstützen Antons Familie auch weiterhin. Sie schmieden einen Plan, die deutschen Häscher zu täuschen. Sie bauen in der Wohnung eine „falsche Wand“ auf, ähnlich wie im Theater. Hinter dieser Wand verstecken sich Anton und seine Familie. Bamses Mutter, von Beruf Schauspielerin, lenkt gemeinsam mit Thomas die Deutschen ab, indem sie eine schwerkranke, berühmte dänische Künstlerin spielt. Thomas mimt ihre Krankenpflegerin.
    Der Plan geht auf, Anton und seine Liebsten werden nicht von den Nazis entdeckt. Doch nun muss die jüdische Familie aus der Stadt herausgebracht werden, um Plätze für eine Überfahrt ins sichere Schweden zu bekommen. An dieser Stelle wird ihnen unerwartete Hilfe zuteil: Onkel Johann hat sich ein Herz gefasst und ein Auto organisiert, um Antons Familie bei der Flucht zu helfen. Doch dann passiert das Tragische: Antons Schwester Gilda und Thomas werden entdeckt. Sie bleiben zurück, um den anderen das Entkommen nach Schweden zu ermöglichen. Großvater Bamse erklärt seiner Enkelin, dass Gilda nach dem Krieg die Familie wiedergefunden hat, Thomas aber im Konzentrationslager ums Leben kam.

    Trackliste

    • 001 Musst Du immer in den Schubladen rumwühlen? (02:04)
    • 002 Titelsong Intro (06:05)
    • 003 Orlando war ganz schön wütend (02:27)
    • 004 Anton war dein Freund? (05:10)
    • 005 Hey, Bamse, wo gehen wir denn eigentlich hin? (05:12)
    • 006 Das war aber ein ganz schön komischer Onkel (03:14)
    • 007 Antons Eltern, Herr und Frau Beilin (08:24)
    • 008 Seid ihr getroffen worden? (04:06)
    • 009 Und sind die dann wirklich alle … (08:45)
    • 010 Aber die Verletzung mit dem Messer … (04:37)
    • 011 Das heißt Gilda und Thomas wurden geschnappt? (03:00)
    • 012 Titelsong Outro (01:09)

    Zur Produktion

    Basierend auf dem gleichnamigen erfolgreichen Jugendroman von Sandi Tokswig erzählt „Hitlers Kanarienvogel“ die Geschichte von Bamse und dessen Freund Anton, die in diesem Hörspiel ungemein lebendig und authentisch wirkt. Gelegentlich kommt es zwar durch rasche Perspektivwechsel zur kurzen Verwirrung, jedoch geben alle Sprecher/innen einen hervorragenden Eindruck über die Gefühle von Menschen, die sich in solchen Extremsituationen befinden. Als Stimme für Großvater Bamse konnte der erfolgreiche Schauspieler sowie Synchron- und Hörspielsprecher Hans-Peter Hallwachs gewonnen werden.

    Die klassische Begleitmusik, vorwiegend geprägt durch das Klavier, wird thematisch verwendet, klingt zumeist düster und bedrohlich. Jedoch kehrt die Musik gelegentlich auch die Bedeutung der Situation um, indem sie fröhlich, beschwingt und lebensfroh ist. Passend eingesetzte Soundeffekte (Sirenengeheul, eingeschlagene Fenster, Explosionsgeräusche) verleihen der Geschichte zusätzlich Dynamik und Realitätsnähe.

    Sandi Toksvig wurde 1958 als Tochter eines dänischen Vaters und einer britischen Mutter in Kopenhagen geboren. Die Autorin verwendet in ihrem Werk zum Teil autobiographische Details, einige Charaktere beziehen sich auf ihre Familienmitglieder. Die Dialogsituation zwischen Großvater und Enkelin schafft eine Authentizität, die der Geschichte eine besondere Dynamik verleiht und für Kinder eine guten Ankerpunkt liefert.

    Das Hörspiel gehörte zu den „TOP 5“ beim Deutschen Kinderhörspielpreis 2009.

    Ideen zur Umsetzung

    Das Hörspiel bietet vielfältige Ansatzpunkte, die im pädagogischen Kontext genutzt werden können. Einsetzbar ist das Hörbuch ab zehn Jahren. Sowohl im Schulbereich als auch in der außerschulischen Bildung, aber auch in der Familie lässt es sich gut einsetzen.

    • Das Hörspiel bietet einen guten Einstieg in die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Die Kinder können angeregt werden, Fragen zu notieren, die dann gemeinsam besprochen werden, oder als Ausgangspunkte für weiterführende Recherchen genutzt werden.
    • Die Kinder können aufgefordert werden, die Eltern oder Großeltern zu befragen, was diese von der Zeit wissen und was eventuell wiederum deren Eltern Ihnen erzählt haben.
    • Mit Aufnahmegeräten könnten O-Ton-Passagen mitgebracht werden und daraus wiederum eigene Geschichten gestaltet werden.Mit den Kindern könnte überlegt werden, wie sie sich verhalten würden, wenn sie etwas als Unrecht erleben.
    • Auch unabhängig vom Bezug auf den Nationalsozialismus könnten die Kinder ihre Großeltern befragen, was sie in Ihrer Kindheit erlebt haben, und dann kurze Geschichten dazu schreiben.
    • Auch das Thema „Freundschaft“ kann auf der Basis der Geschichte zum Gesprächsgegenstand gemacht werden. „Worin liegen die besonderen Qualitäten von Freundschaft gerade in schwierigen Zeiten?

     

    Fazit

    Das vom NDR aufwendig produzierte Hörspiel „Hitlers Kanarienvogel“ erzählt spannend, einfühlsam und auch humorvoll Bamses Erlebnisse zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges, und es versetzt den Zuhörer mitten hinein in Bamses Biographie.
    Das Hörspiel wird vom Verlag ab zehn Jahren empfohlen, jedoch ist das aufmerksame Zuhören Voraussetzung für den Höreindruck, daher werden ungeübte Hörer wohl eher erst ab etwa zwölf Jahren der Geschichte folgen können. Aufgrund der mitunter bedrohlichen Atmosphäre sollten jüngere Kinder die Geschichte ohnehin gemeinsam mit Erwachsenen anhören, um gegebenenfalls auch Fragen beantwortet zu bekommen.

    Angaben zur Produktion

    • Hörspiel
    • Verlag: Oetinger Media GmbH (http://www.oetinger-audio.de/)
    • Autorin: Sandi Toksvig
    • Erscheinungsdatum: Februar 2010
    • Empfohlenes Alter: Ab 10 Jahren
    • Umfang: 1 CD (ca. 54 Minuten)
    • Komposition: Henrik Albrecht
    • Aufnahme: NDR Studio, März 2009
    • Redaktion: Jörgpeter Ahlers
    • Bearbeitung und Regie: Margit Kreß
    • Produktion: NDR Info 2009

     

    Bibliographische Angaben
    Audio-CD: Sandi Toksvig: Hitlers Kanarienvogel.
    12 Tracks, 54 Min.
    Oetinger Media GmbH, Hamburg 2010
    ISBN: 978-3-8373-0504-3
    Preis: 9,95 Euro


    Sprecher/innen:

    • Hans-Peter Hallwachs (Großvater)
    • Florentine Burkhardt (Mädchen)
    • Lukas Sperber (Bamse)
    • Andreas Pietschmann (Peter Skovlund)
    • Judith Rosmair (Marie Skovlund)
    • Martin Wißner (Orlando Skovlund)
    • Janina Kutschan (Masha Skovlund)
    • Helmut Krauss (Onkel Johann)
    • Samuel Weiss (Thomas)
    • Benedikt Bürk (Anton Beilin)
    • Klaus Falkhausen (Herr Beilin)
    • Anne Weber (Frau Beilin)
    • Smilla Gerst (Gilda Beilin)
    • Jörgpeter Ahlers (SS-Mann 3 / Soldat)
    • Achim Buch (SS-Mann 1 / Soldat 1 / Stimme / An-, Absage)
    • Christoph Tomanek (SS-Mann 2 / Soldat 2 / Stimme am Telefon)

    Darüber hinaus erscheint die „CD des Monats“ bei SCHAU HIN! (http://schau-hin.info/), Berlin. Die Initiative bietet Eltern eine Hilfestellung zum Umgang mit Medien für Kinder.

    (Rezension: Vreni Bühler, Institut für angewandte Kindermedienforschung)

    Die "CD des Monats" erscheint außerdem beim Institut für angewandte Kindermedienforschung der Hochschule der Medien, Stuttgart:
    http://www.ifak-kindermedien.de/