CD des Monats Februar 2011
Der gestiefelte Kater
Hier finden Sie die Besprechung der CD des Monats als PDF-Version.
Einführung
Wer kennt es nicht, das Märchen vom gestiefelten Kater, ob in der Version von Charles Perrault oder in der Adaption der Gebrüder Grimm? Nach wie vor gehören Märchen zu einer wichtigen Grundlage von Hörproduktionen für Kinder. Doch die hier vorgestellte Produktion ist keine gewöhnliche. Es ist einmal mehr eine gelungene Verbindung von Sprache und klassischer Musik der Edition SEE-IGEL. Seit Jahren überzeugt die Edition SEE-IGEL mit außergewöhnlichen Hörproduktionen, die den Hörgewohnheiten in einer immer hektischer werdenden Medienwelt einen akustischen Kontrapunkt entgegensetzen. Dabei geht es weniger um nostalgische Reminiszenzen, sondern um die Sensibilisierung für die feinen Nuancen von Sprache und Musik: ein Audioclip der besonderen Art.
Inhalt und Trackliste
Der Text des Märchens ist im Folgenden in der Bearbeitung von Ute Kleeberg vollständig abgedruckt. Dieser und die Musiktitel können für die pädagogische Arbeit im Unterricht oder der Kindertageseinrichtung genutzt werden. Die Aufführungsrechte liegen bei der Edition SEE-IGEL.
Track 01: Der gestiefelte Kater (00:37)
Einführung
Ludwig van Beethoven: Trio op. 11 B-Dur „Gassenhauer-Trio“
Thema: Pria ch´io l´impegno (Allegretto)
Track 02: Vor langer Zeit … (01:44)
Vor langer Zeit lebte einmal ein alter Müller, der hatte drei Söhne, eine Mühle, einen Esel und einen Kater. Die Söhne mussten ihm in der Mühle helfen, der Esel trug die Lasten und der Kater fing die Ratten und die Mäuse. Und alle konnten ganz recht von ihrer Arbeit leben. Nachdem eine Zeit ins Land gegangen war, starb der alte Müller und hinterließ das gesamte Vermögen seinen Kindern. Mit dem Verteilen ging es rasch: der älteste Sohn erhielt die Mühle, der mittlere den Esel und der jüngste den Kater. Notar und Rechtsanwalt mussten erst gar nicht gebeten werden, denn die hätten den ganzen Nachlass schnell alleine aufgezehrt.
Der älteste Sohn freute sich sehr über sein Erbe, beschloss eine Familie zu gründen und konnte es gar nicht erwarten, alleine in der Müllerei zu schalten und zu walten. Der mittlere setzte sich auf seinen Esel, ritt hinaus in die Welt im Vertrauen, sein Glück schon zu machen. Der jüngste jedoch haderte mit seinem Schicksal und konnte sich gar nicht darüber hinwegtrösten, dass er ein so armseliges Los gezogen hatte.
„Meine Brüder“, sprach er so vor sich hin, „haben es gut getroffen und werden sicherlich beide ihr Glück machen und ehrlich ihr Brot verdienen. Aber mir bleibt nichts anderes übrig, als mich von meinem Traum zu verabschieden, auch ein Müller zu werden. Mein Kater kann nichts anderes als Mäuse und Ratten fangen, und ich muss mich wohl fürderhin als Knecht verdingen.“
Track 03: Musik (01:21)
Gabriel Fauré: Ici-bas op. 8 Nr. 3 (Andantino)
Track 04: Was soll ich … (01:56)
„Was soll ich mit meinem Erbe, einem schnurrenden Kater, nur anfangen? Selbst wenn ich ihn eines Tages aufessen würde, so würde er mir doch nicht schmecken und nach kurzer Zeit würde mich der Hunger wieder quälen. Und mit dem Muff, den mir der Kürschner aus seinem Fell fertigen könnte, wäre auch kein Staat zu machen. Wie ich die Sache auch wende und drehe, dieser Kater bringt mir nicht ein klitzekleines Kreuzerlein ein.“
Der Kater, der dies alles mit angehört hatte, ließ sich zunächst nichts anmerken. Doch dann sprach er zur großen Verwunderung des Müllersohns mit ernster und gewichtiger Miene zu ihm: „Seid nicht traurig, mein Herr, Ihr braucht mir nur ein Paar Stiefel machen zu lassen, mit denen ich durchs Gebüsch streifen kann, und Ihr werdet sehen, dass Ihr gar kein so schlechtes Erbteil erhalten habt, wie Ihr meint.“
Der junge Bursche hatte bei seinem Kater schon oft eine außerordentliche Findigkeit beim Fangen von Ratten und Mäusen beobachtet. Manchmal versteckte sich der Kater im Mehl und stellte sich so lange tot, bis die Mäuse sogar auf seinem Fell herumkrabbelten. Dann holte er mit der Tatze aus und erwischte oft mehrere auf einen Streich. Oder er hing nur mit einer Tatze an einen Balken und hielt so lange still, bis eine Ratte gemütlich unter ihm vorbeispazierte. Dann ließ er sich blitzschnell fallen, packte zu und die Delikatesse war ihm sicher.
Als der Müllerssohn nun auch noch das Tier wie einen Menschen sprechen hörte, zweifelte er mit einem Mal nicht mehr daran, dass dieser Kater ihm irgendwie aus seinem Elend heraushelfen konnte.
Track 05: Musik (01:56)
Gabriel Fauré: Mai op. 1 Nr. 2 (Allegretto)
Track 06: Wie es der Zufall wollte … (01:15)
Wie es der Zufall wollte, lief gerade der Schuster an der Mühle vorbei. Da rief ihn der jüngste Müllerssohn herein und ließ dem Kater ein Paar Stiefel aus feinstem Rindleder anmessen. Dem Schuster versprach er in die Hand, die feine Arbeit zu gegebener Zeit gut zu honorieren. Und da der Schuster ein gutes Herz hatte und der jüngste Müllerssohn ihn dauerte, ließ er sich auf den ungleichen Handel ein.
Als der Kater seinen Wunsch erfüllt sah, zog er freudig die neuen Stiefel an, richtete sich auf und schritt sicher, fast wie ein Mensch, durch die Kammer. Plötzlich verschwand er und kam kurz darauf wieder zurück. Auf seinem Kopf saß ein eleganter Hut, wie ihn sonst nur edle Herren trugen. Der schien wie für ihn gefertigt zu sein und in dem Hutband steckte eine Rebhuhnfeder.
Der Kater bat den Müllerssohn um einen alten Leinensack, den man mit Schnüren zusammenziehen konnte, ein paar Weizenkörner und ging damit seines Weges.
Track 07: Musik (00:32)
Ludwig van Beethoven: Trio op. 11 B-Dur „Gassenhauer-Trio“ (Variation III)
Track 08: Im ganzen Land … (01:32)
Im ganzen Land war bekannt, dass die Lieblingsspeise des Königs zarter, knuspriger Rebhuhnbraten war. Aber Rebhühner waren scheue Tiere und so gelang es sogar den königlichen Jägern äußerst selten, diese flüchtigen Vögel zu fangen. Der Kater wusste das und gedachte, seine Sache besser zu machen.
Der Kater warf sich den alten Mehlsack über die Schulter und machte sich auf den Weg in den Wald. Er lief so lange durch den Wald, bis er eine Lichtung erreichte. Dort streute er die Körner sehr geschickt aus und legte so eine Spur, die direkt in den offenen Sack führte. Dann versteckte er sich hinter einem alten Brombeerbusch und hielt beide Enden der Schnur fest in seinen Händen. Es dauerte und dauerte. Und fast wäre der Kater in der schönen Nachmittagssonne eingeschlafen. Da kamen vorsichtig Rebhühner über die Lichtung spaziert und pickten hier ein Korn, dann noch eins und noch eins. Arglos stolzierten sie direkt in den Sack hinein.
Track 09: Musik (00:31)
Ludwig van Beethoven: Trio op. 11 B-Dur „Gassenhauer-Trio“ (Variation I)
Track 10: Da zog der Kater … (01:13)
Da zog der Kater die Schnur zu und hatte mit einem Mal gleich zwei von ihnen gefangen. Voller Stolz auf seine Beute begab er sich geradewegs zum Schloss des Königs.
„Halt!“ rief die Wache, „Wohin des Wegs?“
Da antwortete der Kater: „Mein Weg führt zum König. Ich verlange ihn zu sprechen.“
„Soso, zum König. Bist du des Irrsinns? Ein Kater will zum König?“ Die Wache konnte ihre Verwunderung nicht verbergen.
„Ich will nicht zum König, ich muss zum König, denn ich habe ein Geschenk für Ihre Majestät, das nicht nur seine Augen erfreuen wird.“
„Lass ihn nur gehen,“ sagte ein anderer Wachmann, „der König hat doch oft Langeweile. Vielleicht kann ihm der sonderbare, sprechende Kater ein bisschen die Zeit vertreiben und Kurzweil schaffen.“
„Ja, lassen wir ihn hinein, vielleicht kann er dem König vortanzen, die Stiefel dazu hat er ja schon an.“
Unter großem Gelächter führten sie ihn hinauf zu den prächtigen, königlichen Gemächern.
Track 11: Musik (01:47)
Jacques Offenbach: Serenade op. 29 Nr. 2 (Allegro)
Track 12: Eine große, schwere … (02:12)
Eine große, schwere, reich verzierte Ebenholztür wurde geöffnet, der Hofmarschall meldete:
„Majestät, Untertan wünscht Euch zu sprechen.“
Der Kater nahm seinen Hut ab, machte einen Kratzfuß, dann eine große, ausladende Verbeugung vor dem König und hub an zu sprechen: „Majestät, erlaubt, dass ich Euch im Namen meines Herrn, des Marquis von Carabas (so hatte es ihm beliebt, den Müllerssohn nunmehr zu nennen) ein paar Rebhühner überreiche. Diese Rebhühner hat mein Herr, der Marquis von Carabas heute Morgen noch in seinen eigenen Wäldern gefangen und mich beauftragt, sie Euch mit seinen besten Wünschen zu überbringen.“
Der König bat ihn, den Sack zu öffnen, und konnte sich gar nicht satt sehen. Im Gegenteil. Das Wasser lief ihm im Munde zusammen. Und als er auch noch fühlte, wie fett die Rebhühner waren, wusste er sich vor Freude gar nicht zu lassen. Augenblicklich klingelte er nach seinem Chef de Cuisine und übergab ihm das kostbare Geschenk mit dem Auftrag, in der kürzestmöglichen Zeit die zubereiteten Delikatessen aufzutragen.
Dem Kater ließ er zu trinken anbieten und sprach zu ihm:
„Sage deinem Herrn, dem Marquis von Carabas, dass ich ihm für das Geschenk, mit dem er mir eine große Freude gemacht hat, danke.“
Dem Hofmarschall befahl er, ein Goldstück aus der königlichen Schatulle zu holen, es in den leeren Sack zu legen, und diesen dem Kater wieder zu übergeben.
Indessen saß der jüngste Müllerssohn zu Hause und blickte zweifelnd aus dem Fenster und dachte darüber nach, ob sein Kater wohl jemals zurückkommen würde oder ob er sich mit den Stiefeln in die weite Welt aufgemacht hatte, um sein Glück ohne ihn zu suchen. Dann hätte er nicht nur sein Erbe, sondern auch die Stiefel, die er noch nicht einmal bezahlt hatte, für immer verloren.
Track 13: Musik (01:34)
Gabriel Fauré: Adieu op. 21 Nr. 3 (Moderato)
Track 14: In diesem Augenblick … (00:34)
In diesem Augenblick trat der Kater in die Stube und überreichte dem Müllerssohn ein Goldstück. Von diesem Tag an brachte der Kater nun während zwei oder drei Monaten dem König von Zeit zu Zeit fette, runde Rebhühner, die zugleich zart mundeten. Und immer wieder erhielt er als Dankeschön ein Goldstück aus der königlichen Schatulle und den Auftrag, an seinen Herren, den Marquis von Carabas, königliche Grüße zu übermitteln.
Track 15: Musik (00:49)
Ludwig van Beethoven: Trio op. 11 B-Dur „Gassenhauer-Trio“ (Variation VIII)
Track 16: An einem besonders … (01:01)
An einem besonders schönen Sommertag stand der König an seinem Schlossfenster und blickte auf seine Ländereien. Da überkam ihn der Wunsch, eine Ausfahrt zu unternehmen.
Der König wollte diese Fahrt jedoch nicht alleine unternehmen. Seine Tochter, die Prinzessin, die die schönste Prinzessin auf der ganzen Welt war, sollte ihn begleiten. Und weil es so heiß war, wünschte sich die Prinzessin, eine Spazierfahrt am Flussufer zu machen.
Das kam dem Kater zu Ohren, der gerade in der Küche dem Chef de Cuisine einen vielversprechenden Sack übergab. Nun war keine Zeit zu verlieren. In größter Eile hetzte der Kater zur Mühle und sprach fast atemlos zum jüngsten Müllerssohn:
„Folgt meinem Rat, fragt nicht lange nach und tut was ich sage, so ist Euer Glück bald gemacht. Ihr braucht nichts anderes zu tun, als mir zu vertrauen. Aber sputet Euch, Eile ist geboten.“
Track 17: Musik (01:03)
Ludwig van Beethoven: Trio op. 11 B-Dur „Gassenhauer-Trio“ (Variation V und VI)
Track 18: Sie eilten zusammen … (00:55)
Sie eilten zusammen hinunter zum Fluss, und an einer Stelle, die ihm der Kater anwies, entkleidete sich der Müllerssohn und lief in den Fluss, um ein Bad zu nehmen. Der Müllerssohn tat alles so, wie sein Kater es ihm geheißen hatte, folgte ihm, ohne zu ahnen, wozu das Ganze gut sein mochte. Kaum war er ein paar Meter hinausgeschwommen, lief der Kater zu den armseligen Kleidern, sammelte sie ein und versteckte sie unter einem großen Stein.
Es dauerte gar nicht lange, da kam die sechsspännige Kutsche des Königs angefahren. Da begann der Kater aus Leibeskräften zu jammern und zu schreien. Der Kater rief: „Zu Hilfe, zu Hilfe, mein Herr, der Marquis von Carabas, ist am Ertrinken!“
Track 19: Musik (00:52)
Ludwig van Beethoven: Trio op. 11 B-Dur „Gassenhauer-Trio“ (Variation IV)
Track 20: Auf dieses Klagen hin … (00:54)
Auf dieses Klagen hin konnte der König gar nicht anders, streckte seinen Kopf aus dem Wagen und erkannte den Kater. Das war doch der Kater, der ihm so oft die leckeren Rebhühner gebracht hatte. Da befahl er seinen Wachen, dem Marquis von Carabas schnell zu Hilfe zu eilen.
Während die Wachen den armen Marquis aus dem Fluss zogen, trat der Kater an die Kutsche heran. Er erzählte dem König von einem schändlichen Diebstahl und einer misslichen Lage. Unbekannte Räuber hatten seinem Herrn, während dieser ahnungslos badete, unbarmherzig alle Kleider, die Schuhe, die goldene Taschenuhr und den mit Edelsteinen verzierten Degen gestohlen – und das, obwohl er, der Kater, aus Leibeskräften „Haltet den Dieb!“ geschrieen hatte.
Track 21: Musik (00:47)
Ludwig van Beethoven: Trio op. 11 B-Dur „Gassenhauer-Trio“ (Variation VII)
Track 22: Da war der König … (01:37)
Da war der König fast schon dem Schicksal dankbar, dass es ihm so unverhofft die Gelegenheit geschenkt hatte, sich dem edlen Marquis von Carabas endlich für die kulinarischen Präsente erkenntlich zu zeigen. Der König befahl seinen Kammerdienern, eines seiner schönsten Gewänder und die Pantoffeln aus handschuhweichem Hirschkuhleder aus der königlichen Ankleide zu holen. Es dauerte nicht lange, da war der Kammerdiener wieder zurück und der Müllerssohn zog verwundert die prächtigen Gewänder an. So wurde aus dem Müllerssohn der Marquis von Carabas.
Selbstverständlich lud der König, der dem Marquis von Carabas wegen der Rebhühner, die er meinte von ihm empfangen zu haben, gewogen war, den feinen Herrn ein, sich zu ihm in die Kutsche zu setzen. Der ärmste war völlig durchgefroren, denn das Wasser im Fluss war doch sehr frisch gewesen. Als er aber in die Kutsche stieg und die Prinzessin erblickte, wurde ihm so warm ums Herz wie noch nie zuvor in seinem Leben. Die Prinzessin blickte auch nicht böse drein, denn der Marquis war jung und schön und gefiel ihr außerordentlich gut. Und als ihr der Marquis von Carabas dann noch zwei oder drei ehrerbietige und ein wenig zärtliche Blicke zuwarf, wusste sie nicht wie ihr geschah.
Track 23: Musik (01:52)
Gabriel Fauré: Nell op. 18 Nr. 1 (Andante, quasi Allegretto)
Track 24: Der Kater … (01:04)
Der Kater, der das alles genau beobachtet hatte, war höchst zufrieden, dass sein Vorhaben so erfolgversprechend begann. Er bat die Gesellschaft, ihn zu entschuldigen, da er noch diverse Verpflichtungen habe. So lief er der Kutsche voraus, und kam zu einer großen Wiese, die über hundert Mägde und Knechte mit Sensen mähten. Da fragte er: "Wem ist die Wiese, ihr Leute?"
„Die Wiese ist dem großen Menschenfresser.“
„Liebe Leute, die ihr da mäht,“ sprach da der Kater, „wenn gleich der König vorbeifährt und fragt, wem diese Wiese gehört, so antwortet ihr alle: ‚Diese Wiese gehört dem Marquis von Carabas.’ Und, liebe Leute, wenn nur einer von euch etwas anderes antwortet, werdet ihr alle kleingehackt wie Pastetenfleisch.“
Kurz darauf kam die Kutsche des Königs angefahren.
Track 25: Musik (01:31)
Claude Debussy: Trio g-moll L.3 (Teil 1)
Track 26: Der König war … (00:50)
Der König war beeindruckt von der großen, saftigen Wiese. Wie der Kater schon geahnt hatte, ließ der König die Kutsche anhalten und bat den Kutscher, doch die Mäher zu fragen, wem denn diese prächtige Wiese wohl gehöre, die sie da mähten. „Sie gehört dem Marquis von Carabas“, antworteten diese einstimmig, denn die Drohung des Katers hatten sie sonderbarerweise durchaus ernst genommen. „Da habt Ihr einen schönen Besitz“, sprach der König, der die Antwort der Mäher vernommen hatte, zum Marquis von Carabas. Doch der Marquis, der bei ihm in der Kutsche saß, hatte nur Augen für die schöne Prinzessin, und weil er nicht unhöflich sein und dem König nicht widersprechen wollte, antwortete er: „Das ist wahr, Eure Majestät“.
Track 27: Musik (01:39)
Gabriel Fauré: Rêve d´Amour op. 5 Nr. 2 (Allegretto)
Track 28: Die Wiese … (01:18)
„Die Wiese bringt alljährlich gewiss eine gute Ernte?“ fragte der König, aber der Marquis von Carabas nickte nur versonnen mit dem Kopf. Das gefiel dem König besonders gut, denn der Marquis schien ihm bescheiden zu sein.
Der gestiefelte Kater lief weiterhin guten Mutes voraus. Nach einer Weile kam der Kater zu einem riesengroßen Kornfeld, das war so groß, dass es niemand übersehen konnte. Dort arbeiteten mehr als zweihundert Leute und schnitten das Korn.
Da fragte der Kater: „Wem ist dieses Feld, ihr Leute?“
„Dieses Feld ist dem großen Menschenfresser.“
„Liebe Leute, die ihr da Korn schneidet,“ sprach da der Kater, „wenn gleich der König vorbeifährt und fragt, wem dieses Feld und wem dieses Korn gehören, so antwortet ihr alle: ‚Dieses Feld und dieses Korn gehören dem Marquis von Carabas.’ Und, liebe Leute, wenn nur einer von euch etwas anderes antwortet, so werdet ihr alle kleingehackt wie Pastetenfleisch.“
Kurz darauf kam die Kutsche des Königs angefahren.
Track 29: Musik (02:24)
Claude Debussy: Trio g-moll L.3 (Teil 2)
Track 30: Der König war … (02:59)
Der König war beeindruckt von dem fruchtbaren Boden und dem reichen Ertrag. Wie der Kater schon geahnt hatte, bat der König den Kutscher die Schnitter zu fragen, wem denn dieses fruchtbare Feld und dieses Korn wohl gehören, das sie da schnitten.
„Sie gehören dem Marquis von Carabas“, antworteten die Schnitter einstimmig, denn die Drohung des Katers hatten sie sehr ernst genommen.
Der König war sehr erstaunt über die unerwartet großen Güter des Marquis von Carabas.
„Da habt Ihr wirklich einen schönen Besitz“, sprach der König zu seinem Gast.
„Das ist wahr,“ antwortete ganz überrascht der Marquis von Carabas, der völlig vergessen hatte, dass außer ihm und der Prinzessin noch der König in der Kutsche saß. Diese vornehme Bescheidenheit in der Nennung des Besitzstandes beeindruckte den König tief, denn an dieser feinen Zurückhaltung erkannte er den wahren Edelmann.
Da gelangte der Kater in einen verwunschenen Park, der zu einem dunklen, bedrohlichen Schloss gehörte. In diesem Schloss wohnte der große Menschenfresser. Er war der reichste Mann, den man sich nur denken konnte, denn all die Ländereien, durch die der König gefahren war, gehörten zu seinem Besitz.
Der Kater hatte schon viel vom Menschenfresser gehört und wusste, dass er über besondere Kräfte verfügte. Doch ohne Furcht lief er durch die dunklen, mit schweren Teppichen und blinden Lüstern ausgestattete Halle direkt in den geheimen Raum des Menschenfressers. Der stand mit einem Fernrohr am Schlossfenster, schaute übers Land und kontrollierte seine Untertanen bei ihren Arbeiten.
Der Kater nahm seinen Hut ab, machte einen eleganten Kratzfuß und eine so tiefe Verbeugung vor dem Menschenfresser, dass seine Barthaare den Marmorboden berührten.
Dann hub er an zu sprechen: „Hoher Gebieter, schon lange war es mein Wunsch, einer so bedeutenden, großen Person, mächtiger als jeder König und jeder Kaiser, meine Aufwartung zu machen. Die Kunde von Euch und Euren besonderen Fähigkeiten geht weit übers Land und ich bin überglücklich, dass mich heute mein Weg zu Euch geführt hat.“
Track 31: Musik (01:19)
Michail Glinka: Scherzo (Teil 1)
Track 32: Der Menschenfresser … (02:56)
Der Menschenfresser fühlte sich geschmeichelt, empfing ihn gerade so höflich, wie das einem Menschenfresser nur möglich ist, und ließ ihn Platz nehmen.
„Euer Ruhm und der Glanz Eures Reichtums gehen sogar weit über die Grenzen sämtlicher Länder hinweg“, schmeichelte der Kater weiter. „Überall wird von Eurer Tüchtigkeit berichtet. Und man hat mir sogar versichert, dass Ihr zu allen anderen Fähigkeiten, die Ihr habt, sogar die Gabe besitzt, Euch in jedwedes Tier zu verwandeln. Man erzählt sogar, dass Ihr Euch zum Beispiel in einen Löwen oder in einen Elefanten verwandeln könnt.“
„Das ist richtig“, entgegnete der Menschenfresser barsch, „und bevor ich dich fresse, will ich jetzt hier vor deinen Augen zu einem Löwen werden.“ Der Kater war so entsetzt, als er plötzlich einen Löwen vor sich sah, dass er augenblicklich durch das Schlossfenster auf die Dachrinne floh, was nicht ganz ungefährlich war, denn seine Stiefel eigneten sich nicht zum Klettern auf den Ziegeln.
Wenig später, als der Kater sah, dass der Menschenfresser seine ursprüngliche Gestalt wieder angenommen hatte, nahm er seinen ganzen Mut erneut zusammen, und stieg herab, zurück in den geheimen Raum des Menschenfressers. Der Kater zitterte am ganzen Leib und gestand dem Menschenfresser, dass er große Angst bekommen hätte. Da fand der Gefallen an dem Spiel mit dem Kater und wollte ihm, bevor er ihn fraß, noch einmal so in Angst und Schrecken versetzen. Völlig unvermittelt verwandelte sich der Menschenfresser in einen riesengroßen Elefanten.
Kurze Zeit später stand dem Kater wieder der Menschenfresser in seiner ganzen Garstigkeit gegenüber und wollte ihn jetzt fressen.
„Man hat mir weiterhin versichert“, sprach der Kater eilig, „doch das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, dass es auch in Eurer Macht steht, die Gestalt ganz kleiner Tiere anzunehmen, die einer Ratte zum Beispiel oder die einer Maus. Aber ich muss sagen, dass sich Euer hohe Gnaden in so eine nichtige Kreatur verwandelt, halte ich für ganz unmöglich.“
„Unmöglich?“ brüllte der Menschenfresser, „Ihr werdet es schon sehen.“
Und dann verwandelte er sich in eine besonders kleine Maus und huschte auf dem Marmorboden herum.
Track 33: Musik / Auf diesen Moment … (01:25)
Michail Glinka: Scherzo (Teil 2)
Auf diesen Moment hatte der Kater nur gewartet.
Michail Glinka: Scherzo (Teil 2)
Blitzschnell stürzte er sich auf das Mäuschen und verschlang es mit Haut und Knochen. In diesem Augenblick war aller böser Zauber gebrochen.
Michail Glinka: Scherzo (Teil 2)
Track 34: Indessen fuhr … (01:19)
Indessen fuhr die Kutsche des Königs durch den erlösten Park und kam vor dem wunderschönen Schloss an. Da verlangte es den König, das Schlossinnere zu sehen. Er ließ den Kutscher halten. Der Kater hatte die Kutsche schon über die Zugbrücke fahren hören. Eilig lief er herbei, öffnete das reich verzierte, goldene Tor und sprach zum König: „Majestät, seid herzlich willkommen hier im Schloss des Marquis von Carabas.“
„Wie, Marquis von Carabas“, rief der König, „dieses wunderbare Schloss gehört Euch auch noch? Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als diesen Besitz mit all seinen Gebäuden. Erlaubt Ihr, dass wir eintreten?“
Der Marquis fühlte sich wie im Traum. Er reichte der jungen Prinzessin die Hand, sie folgten dem König, der als erster die Treppe hinauf schritt, und betraten einen großen Saal. Dort stand eine prächtige Tafel, und es dauerte gar nicht lang, da wurden von Dienern in den elegantesten Livreen die erlesensten Speisen aufgetischt.
Track 35: Musik (01:02)
Giacinto Bondioli: Canzona „La Giacintina“
Track 36: Der König … (01:18)
Der König war tief beeindruckt von der Gastfreundschaft des Marquis, ebenso wie seine Tochter, die seit der Kutschfahrt nur noch Augen für diesen jungen Mann hatte. Und als der König dann auch noch die großen Güter bedachte, die der bescheidene junge Mann besaß, stimmte er nach einiger Zeit gerne dem ehrenvollen Antrag des Marquis von Carabas zu und versprach ihm die Hand seiner Tochter, der wunderschönen Prinzessin.
Bald darauf wurde ein prächtiges Hochzeitsfest gefeiert. Von diesem Tag an lebten die Prinzessin und der Marquis von Carabas in dem wunderschönen Schloss, das ihnen der Kater geschenkt hatte. Die Menschen, die für den Menschenfresser gearbeitet hatten, siedelten sich auf den Höfen rings um das Schloss an und lebten dort in großer Zufriedenheit.
Auch der Schuster, der einst dem Kater die Stiefel angepasst hatte, zog aufs Schloss, und war von nun an Hofschuhmacher. Der Kater selbst aber wurde ein großer Herr, manche sagen auch, er wurde Minister und ging nur noch zum Vergnügen auf die Mäusejagd.
Track 37: Musik (01:40)
Ludwig van Beethoven: Trio op. 11 B-Dur „Gassenhauer-Trio“ (Variation IX)
Track 38: Musik (07:27)
Ludwig van Beethoven: Trio op. 11 B-Dur „Gassenhauer-Trio“
Track 39: Musik (03:23)
Michail Glinka: Trio Pathétique
Gesamtspielzeit: 62:39
