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    Zur Produktion
    Die Produktion „Wie Niklas ins Herz der Welt geriet“ überzeugt mit der Qualität und der Kraft des Zusammenspiels von Lesung und Musik.

    Die eindringliche Musik stammt von der renommierten Schweizer Klezmer-Band Kolsimcha – The World Quintett. Klarinette und Klavier liefern die perfekte klangliche Untermalung der Geschichte, mal voller Weltschmerz, mal heiter und von leiser Melancholie geprägt, aber immer höchst gefühlvoll. Die wenigen kurzen Stücke umrahmen einerseits die Lesung und dienen andererseits als akustische Abtrennung zwischen größeren inhaltlichen bzw. besonders emotionalen Abschnitten. Darüber hinaus sind sie der musikalische Spiegel der Geschichte. Dies wird besonders am Anfang und am Ende der CD deutlich. Während in Spur 001 die Klarinette alleine mit einem traurigen Ruf beginnt und nach dem sanften, fast zögerlichen Einstieg der Klavierbegleitung in ein melancholisch-sehnsuchtsvolles Motiv übergeht, hört man im letzten Track sofort beide Instrumente in einem frohgemuteren Zusammenspiel. Dieses Spiel gipfelt in einer schneller gespielten Variation des anfänglichen Motivs und mischt der Melancholie eine Prise Unbeschwertheit bei. Klarinette und Klavier sind also die instrumentalen Stellvertreter von Niklas und Johannes, in der Spielweise einer traditionellen jüdischen Volksmusik, des Klezmer, erkennt man deutlich ihre Interaktion.

    Daneben erzählt die 1927 geborene Schauspielerin Rosemarie Fendel die Geschichte warmherzig und einfühlsam, zart und immer der Stimmung des Textes angemessen. Dabei geht sie besonders achtsam mit Stimmmodulationen und Tempiwechsel um, so dass der Verlauf niemals hektisch wird. Sie arbeitet hingegen souverän mit Betonungen einzelner oder mehrerer Worte in den Sätzen und erweckt dadurch die Figuren und deren Beziehungen zum Leben.

    Insgesamt harmonieren also in der Uccello-Produktion das Gesprochene und das Gespielte perfekt miteinander.

    Ideen zur Umsetzung
    Die CD dient nicht der reinen Unterhaltung und sollte am besten gemeinsam mit den Kindern angehört werden. In erster Linie gibt der Verlag mit dieser akustischen Umsetzung von Gert Scobels einfühlsamer Geschichte Eltern ein Werkzeug in die Hand, das dabei hilft, über die in einer leistungsorientierten Gesellschaft gerne tabuisierten Themen Tod, Verlust, Trauer und Schmerz zu reden. Die knapp 32 Minuten sind ein guter Einstieg für reflektierte Gespräche, dabei kommt einem gerade die Kürze der Produktion zupass. Jeder Mensch verrichtet seine Trauerarbeit ganz individuell. Dies gilt im Besonderen für jüngere Kinder, die, sofern sie alt genug sind einen Verlust als solchen zu begreifen, zunächst lernen müssen, Gefühle wie Trauer und seelischen Schmerz in einen größeren Gesamtkontext einzuordnen. Andernfalls bleiben diese Emotionen isoliert. Die Produktion hilft den Eltern oder erwachsenen Verwandten dabei, Kindern über einen zumeist vertrauten, medialen Kanal eine Hand zu reichen, die zur Reflexion und zur Auseinandersetzung mit den eigenen Gefühlen auffordert, gleichzeitig als Lotse aber auch Halt verspricht.

    Um die CD „Wie Niklas ins Herz der Welt geriet“ lediglich nach einem Trauerfall in der Familie anzuhören, ist die Geschichte jedoch zu facettenreich. Weitere, philosophische Aspekte finden hier in einer Tiefe ihren Platz, wie man sie bei anderen Produktionen manchmal vergeblich sucht. Sie alle bieten Anlässe für Gespräche und Diskussionen, dabei seien einmal Stichworte wie Un-/Endlichkeit, Trost, Sehnsucht, Vergänglichkeit, Himmel oder eben die „Schönheit der Welt“ genannt.

    Für Kinder betreuende Einrichtungen ist die Produktion ebenfalls empfehlenswert. Auch wenn viele Institutionen sinnigerweise die Trauerverarbeitung nicht als Fixpunkt in ihrem Veranstaltungsjahr verankert haben, kann sich dieses Hörbuch im Bedarfsfall als äußerst nützlich erweisen. An das Diskutieren schließen sich hier kreative Angebote an, z.B. ist das Erstellen eines Stammbaumes mit Fotos, Bildern und Zeichnungen denkbar. Dieser Stammbaum soll bewusst auch die bereits verstorbenen Verwandten mit einbeziehen. Analog kann eine solche Beziehungscollage auch für den Freundeskreis gestaltet werden. Ein anderer Schritt zur Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit des Lebens wäre hingegen das Verfassen eines „Testaments“. Hierbei soll jedes Kind erzählen, welche Dinge ihr oder ihm wichtig sind und welchen Personen sie diese Dinge im Falle des Ablebens anvertrauen würden. Vorgaben darf es dabei nicht geben: Lebewesen, z.B. Haustiere sollen im Testament ebenso ihren Platz finden wie materielle Sachen, beispielsweise die Puppensammlung oder das Lieblingsbuch. Die Testamente können dann entweder mit einem Audiorekorder/einer Videokamera aufgenommen oder klassisch auf Papier niedergeschrieben werden, abhängig von der Altersstufe und der zur Verfügung stehenden Hilfe durch die Betreuer/innen. Die einzelnen Ergebnisse bieten den Eltern einen Einblick in die Befindlichkeiten ihrer Kinder.

    Solche Ideen beziehen sich eher auf die visualisierende Auseinandersetzung mit dem Inhalt der Geschichte. Man kann das Medium allerdings auch abstrakter einsetzen, als Gesprächsgrundlage für Gefühle im Allgemeinen, werden doch durch die Zusammenarbeit der Musik und Frau Fendels Textinterpretation starke Stimmungen erzeugt. Das weiterführende Angebot ist dann die „Gefühlsuhr“, die in der Einrichtung oder auch zu Hause aufgehängt wird. Die unterschiedlichen menschlichen Emotionen wie Wut oder Freude stehen bei dieser Uhr anstelle der Ziffern. Bei der Herstellung gibt es Alternativen: es wird eine Gefühlsuhr für eine Gruppe oder die ganze Institution bzw. Familie angefertigt. Jeder darf jederzeit den Zeiger dieser Uhr auf das momentan vorherrschende Befinden drehen, seien es eigene Gefühlslagen oder Wahrnehmungen der Gesamtstimmung. Für diese Uhr eignen sich Symbole oder Piktogramme (z.B. Smileys) besser als Begriffe, damit auch Jüngere mit einbezogen werden. Die andere Version ist eine für jedes Kind individuell gestaltete Uhr, hier wird nicht mit Symbolen sondern mit Fotos gearbeitet. Dabei soll jedes Kind versuchen, Gefühle durch Mimik darzustellen, die einzelnen Gesichtsausdrücke werden fotografiert und zur eigenen Gefühlsuhr zusammengefügt. Der Vorteil dieser Porträts liegt, neben der Möglichkeit, jedes Kind „die eigene Uhr stellen“ zu lassen, in dem Vergleich von Selbst- und Fremdwahrnehmung. Man erkennt viel besser, wie man auf andere Personen wirkt. Solche Gefühlsuhren finden ihren Einsatz beispielsweise in der Resilienzförderung. Außerdem verknüpft ein derartiges Projekt rein medientechnische Vorgänge mit einem weniger greifbaren Thema, dem Umgang mit Emotionen.

    Die Auseinandersetzung mit den Themen Sterblichkeit und Vergänglichkeit wiederum kann auf eine Weise stattfinden, wie sie in der Geschichte gleich an mehreren Stellen erwähnt wird: im gemeinschaftlichen Anlegen und Pflegen eines Blumenbeetes.

    Mit sehr resilienten Kindern ist auch ein Friedhofs- oder Hospizbesuch denkbar.

    Als bloßer Einstieg in den Klezmer ist das Hörbuch weniger geeignet, dafür sind die gespielten Stücke schlichtweg zu kurz. Die CD kann hier allenfalls als Hörprobe dienen, unerfahrene Hörer/innen neugierig auf diesen traditionellen Stil jüdischer Volksmusik zu machen.

    Fazit
    Das zweite Kinderbuch des Journalisten und Philosophen Gert Scobel wurde in ein rundum gelungenes Hörbuch umgesetzt, bei dem sich Lesung und Musik perfekt ergänzen. Der Inhalt ist einerseits auch für jüngere Hörer recht greifbar und thematisiert auf behutsame Weise die Themen Verlust, Vergänglichkeit und Trauer(verarbeitung). Andererseits birgt er viele Ansätze zum tieferen Nachdenken über die großen und die kleinen Fragen der menschlichen Existenz, die manchem wohl recht abstrakt bleiben, anderen aber eine wundervolle Anregung sein werden, gemeinsam zu diskutieren, zu philosophieren und dankbar die Dinge voller Schönheit und Trost zu entdecken, die das Leben ausmachen.

    Bemerkung: Ein Euro des Kaufpreises geht als Spende an das Kinderhospiz St. Nikolaus in Bad Grönenbach im Allgäu (http://www.kinderhospiz-nikolaus.de/).

     

    Angaben zur Produktion

    Lesung mit Musik

    Verlag: Uccello – gut zu hören (http://www.uccello.de/), Seefeld
    Autor: Gert Scobel
    Erscheinungsdatum: Oktober 2010
    Empfohlenes Alter: Ab 6 Jahren

    Umfang: 1 CD (ca. 32 Minuten)

    Erzählerin: Rosemarie Fendel
    Musik: Kolsimcha
    Sprachaufnahme: Thomas Rombach, StudioE9 Offenbach
    Arrangements: Olivier Truan
    Mastering: Martin Finsterlin, Herrsching

    Regie: Dr. Rosemarie Altenhofer
    Produktion: Martina Deppe-Spinelli

    Illustration: Ayano Imai

    Graphische Gestaltung: Claus Peilstöcker

    Bibliographische Angaben

    Audio-CD:
    Gert Scobel: Wie Niklas ins Herz der Welt geriet
    6 Tracks, 32 Min.
    Uccello, Seefeld 2010
    ISBN: 978-3-937337-45-6
    Preis: 13,90 Euro

    Die "CD des Monats" erscheint außerdem beim Institut für angewandte Kindermedienforschung der Hochschule der Medien, Stuttgart:
    http://www.hdm-stuttgart.de/ifak/startseite/

    Darüber hinaus erscheint die „CD des Monats“ bei SCHAU HIN! (http://schau-hin.info/). Die Initiative bietet Eltern eine Hilfestellung zum Umgang mit Medien für Kinder.

    Rezension: Christina Reul, Institut für angewandte Kindermedienforschung