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    Interview mit Marion Glück-Levi, Vorsitzende der Stiftung Zuhören

    Wie ist die Stiftung Zuhören entstanden?

    M. Glück-Levi:. Der Gedanke zur Stiftungsgründung kam in den 90er Jahren beim Hessischen Rundfunk auf. Der Hessische Rundfunk hatte einen Verein Zuhören gegründet, mit der Perspektive einer Stiftungsgründung. Dahinter stand von Anfang an die Absicht, dafür zu sensibilisieren, dass die Fähigkeit zuzuhören nicht selbstverständlich ist, sondern gelehrt und gelernt werden muss. Auch der Bayerische Rundfunk hatte schon erste Materialien und Ideen gesammelt, und so sind wir damals dem Verein beigetreten und haben dann gemeinsam die Stiftungsgründung vorbereitet. 2002 wurde die Stiftung dann gegründet.

    Sie sind die Vorsitzende des Vorstands der Stiftung Zuhören. Was ist Ihre Aufgabe?

    M. Glück-Levi: Wir sind ein vierköpfiger Vorstand, jeweils entsandt von den Gründungsstiftern. Wir machen das  alle ehrenamtlich und weitestgehend „on top“ zum üblichen Alltagsgeschäft. Unsere Aufgabe als Vorstand ist es, die Zusammenarbeit mit den Stifterhäusern zu koordinieren. Außerdem geht es darum, die Stiftung, ihr Anliegen und ihre Arbeit gegenüber Entscheidungsträgern in Gesellschaft, Kultur, Politik und dabei insbesondere in der Bildungs- und Schulverwaltung und gegenüber den Kultusministerien bundesweit weiter bekannt zu machen und zu vernetzen. Im Übrigen ist es unsere Aufgabe, kontinuierlich Partner – Spender, Sponsoren und Zustifter - zu gewinnen und die Finanzierung unserer Arbeit langfristig sicherzustellen.

    Ist es eine Herausforderung, in einer Zeit, in der überall gespart wird, Fördermittel zu erhalten?

    M. Glück-Levi: Ja, das ist eine große Herausforderung. Abgesehen von den Hörclubs finanzieren wir unsere Projekte mittels Drittmitteln. Diese müssen wir immer wieder neu einwerben. Zahlreiche Personen und Unternehmen haben die Bedeutung des Zuhörens für die Persönlichkeitsbildung von Kindern und Jugendlichen erkannt und unterstützen uns. Dennoch sind wir auch in Zukunft auf eine möglichst breite Unterstützung unserer Arbeit und Projekte angewiesen. Weitere Förderer sind daher sehr wichtig für die Stiftung. So kann man beispielsweise eine Patenschaft für Hörclubs übernehmen oder man kann für eines unserer Projekte spenden. Wir kooperieren in unseren Projekten auch mit Unternehmen, denen wir die Möglichkeit bieten, ihr Engagement für die Stiftung öffentlichkeitswirksam darzustellen.

    Wie wichtig ist das Zuhören für unsere Gesellschaft?

    M. Glück-Levi: Zuhören ist eine sehr komplexe Fähigkeit. Es gibt verschiedene Ebenen des Zuhörens: die emotionale, die soziale und die kognitive Ebene. Alle drei Ebenen sind für das Zuhören immens wichtig und werden bei der Zuhörförderung gezielt angeregt.

    Zuhören hat für alle Mitglieder und Bereiche unserer Gesellschaft eine zentrale Bedeutung. Ob in der Familie, unter Freunden, in der Schule, im Arbeitsalltag, gelungene Kommunikation beruht in großen Teilen darauf, wie gut jemand zuhören kann. Über die Ohren nehmen wir sehr viele Informationen auf. Zuhören ist die Voraussetzung dafür, die Welt wahrzunehmen, sie sich zu erschließen, sie begreifen und sie mitzugestalten.

    Wir stellen fest, dass zuhörgeübte Kinder ruhiger werden und besser mit Konflikten umgehen. Außerdem erweitern sie neben ihrer Aufmerksamkeit auch ihre Sprachkompetenz. Zuhören zu können, heißt, den anderen zu achten, wahrzunehmen und sich auf ihn einzulassen. Ein Kind in einem Hörclub hat einmal gesagt: „Wenn einem die Erwachsenen nicht zuhören, dann ist das so, als wenn man nicht da ist.“ Das bringt die existentielle Bedeutung des Zuhörens hervorragend auf den Punkt.

    Sie sind verheiratet und haben einen Sohn. Wie wichtig ist Ihnen Zuhören im Privaten?

    M. Glück-Levi: Zuhören ist mir sehr wichtig, da ich die Kommunikation, das Gespräch sehr wichtig finde. Ich bin der Meinung, dass ich nur etwas über den anderen erfahre, wenn ich zuhören kann. Gerade während meiner Arbeit als Hörfunkjournalistin habe ich sehr gerne Gespräche geführt. Denn ich finde es unheimlich spannend, was Menschen zu sagen und zu erzählen haben, und wieviel man dabei über Menschen erfährt. Das Gleiche gilt natürlich erst Recht in der Familie. Unser Sohn ist auch mit Erzählen und Vorlesen groß geworden und das Gespräch zwischen uns, obwohl er längst erwachsen ist, ist nach wie vor sehr intensiv und sehr lebendig. Außerdem  haben für mich die inneren Bilder – das Kino im Kopf - die beim Zuhören entstehen, eine ungeheure Faszination. Denn sie regen die Phantasie an und sind deshalb enorm wichtig für die Entwicklung der Kinder.

    Was raten Sie Eltern, die Kinder haben, denen das Zuhören schwer fällt?

    M. Glück-Levi: Ich glaube, dass es darauf ankommt, die eigene Haltung den Kindern gegenüber zu überprüfen: höre ich meinem Kind wirklich zu, nehme ich das, was mein Kind sagt ernst und wie reagiere ich darauf? Außerdem finde ich es ganz wichtig, zumindest einmal am Tag gemeinsam um den Tisch zu sitzen und miteinander zu sprechen. Wesentlich ist auch seinem Kind etwas zu erzählen, sei es, dass ich beispielsweise etwas nacherzähle oder Geschichten von früher erzähle. Das interessiert jedes Kind! Was jeder machen kann, ist Kindern vorzulesen. Dabei ist es schön, wenn ich mich zu meinem Kind setze oder es auf den Schoß nehme. Das kann jede Mutter, jeder Vater, auch und gerade in ihren Herkunftssprachen.

    Es ist ja selten der Fall, dass ein Kind nur Musik hört, sondern zeitgleich läuft der Fernseher oder es spricht jemand im Hintergrund, der Computer läuft. Ist das eine Gefahr für das Zuhören?

    M. Glück-Levi: Ich denke, es führt dazu, dass das Zuhören in den Hintergrund gedrängt wird. Kinder sind heute natürlich stärker als früher unterschiedlichen Reizen ausgesetzt. Die Reize sind heute sehr schnell getaktet und stehen in Konkurrenz zueinander. Man weiß mittlerweile, dass das für viele Kinder Stress bedeutet. Kinder müssen daher die Möglichkeit haben, auch ein langsameres Tempo zu erfahren. Das ist auch fürs Zuhören wichtig, weil wirkliches Zuhören Ruhe, Zeit und  höchste Konzentration erfordert. Wenn Kinder die Erfahrung machen, dass ihnen eine solche Atmosphäre oder Situation gut tut, oder das die inneren Bilder, die dann in ihren Köpfen entstehen können, spannend sind, dann sind sie bereit, sich wieder in solche Situationen zu begeben. Das heißt nicht, dass sie keine Computer benutzen und nicht Fernsehen sollen. Im Gegenteil: Man kann und darf diese Dinge nicht aus der Welt schaffen. Kinder müssen lernen damit kompetent umzugehen. Auch dazu trägt die Zuhörförderung bei. Denn die Kinder lernen, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, Informationen zu bewerten und zu sortieren.

    Was sind die Ziele der Stiftung?

    M. Glück-Levi: Das Ziel der Stiftung ist es, das Zuhören zu fördern - vom Kindergarten bis ins Erwachsenenalter. Zunächst geht es uns darum, dafür zu sensibilisieren, dass Zuhören wichtig ist. Dass das Zuhören eine Haltung ist, für die man ein Bewusstsein schaffen muss und dass es letztlich eben eine sehr umfassende Fähigkeit ist, die es zu fördern gilt. Einerseits entwickeln wir Materialien und geben Anregungen, mit denen man das Zuhören bei den unterschiedlichen Altersgruppen fördern kann. Andererseits wollen wir durch unsere Projekte, Veranstaltungen und Publikationen das Bewusstsein dafür wecken, diese Fähigkeit zu fördern. Außerdem bilden wir Erzieherinnen und Erzieher, Lehrerkräfte sowie Multiplikatorinnen und Multiplikatoren in der Zuhörförderung fort.

    Wer ist Ihre Zielgruppe?

    M. Glück-Levi: Unsere Zielgruppe ist sehr breit. Ein starker Fokus liegt auf Kindern und Jugendlichen und den entsprechenden Multiplikatoren, also den Erzieherinnen und Erziehern und Lehrkräften. Aber natürlich wollen wir auch andere gesellschaftliche Gruppen erreichen und deutlich machen, welche Bedeutung das Zuhören hat. Eine weitere Zielgruppe sind Ärzte und medizinisches Personal. Unser Anliegen ist es, auf die Arzt-Patienten-Kommunikation einzuwirken und darauf aufmerksam zu machen, wie essentiell gerade das Zuhören in dieser Beziehung für die Menschen ist. Zuhören ist auch eine wichtige Qualifikation für Führungskräfte in der Wirtschaft. Auch dafür wollen wir ein Bewusstsein entwickeln und bieten Fortbildungen für Führungskräfte an.

    Die Stiftung besteht seit 2002, wie schauen Sie in die Zukunft?

    M. Glück-Levi: Wir wollen die Hörclubs bundesweit weiter ausbauen. Außerdem ist es unser Ziel, die Audioguides, die wir zusammen mit Museen, Gednekstätten, Städten und Regionen erstellen, in unsere „akustische Landkarte“ zu integrieren und so Deutschland zum klingen zu bringen. Darüber hinaus wollen wir weitere ARD- und Landesmedienanstalten als Zustifter gewinnen. Und schließlich wollen wir das Bewusstsein dafür, wie wichtig Zuhören ist, weitertragen.

    Welches Projekt liegt Ihnen besonders am Herzen?

    M. Glück-Levi: Mir liegen alle unsere Projekte sehr am Herzen, ganz besonders natürlich die Hörclubs. Das deshalb, weil diese auf einem sehr schönen Konzept beruhen, das die Kollegen vom Hessischen Rundfunk entwickelt haben, und dessen Wirkung sich vielfach erwiesen hat. Auch das Projekt der akustischen Landkarte ist sehr spannend. Dort geschieht und entsteht sehr viel Unterschiedliches. Wenn Kinder und Jugendliche versuchen für ihre Altersgruppe, ihre Umwelt und Sinneseindrücke akustisch abzubilden und erfahrbar zu machen, entstehen häufig Dinge, die auch für Erwachsene sehr beeindruckend sind. Vor allem erleben wir bei diesen Projekten sehr intensiv, wie wichtig es für Kinder und Jugendliche ist, etwas selber herzustellen.

    Was bedeutet das für die Kinder?

    M. Glück-Levi: Die Kinder machen in kürzester Zeit Erfahrungen, die sie wirklich verändern. Ein Beispiel: Es gab ein Projekt, bei dem die Jugendlichen am Anfang kaum Selbstbewusstsein hatten und sich kaum artikulieren konnten. Als sie dann nach vier Monaten sehr intensiver Arbeit  ihre unglaublich gut gelungenen Hörstücke  vorgestellt haben,  strotzten sie vor Selbstbewusstsein. Diese Erfahrung, zu merken, ich kann ja etwas, die verändert auch Lebenswege. Schüler begeistern sich für Themen, die ihnen früher fern waren und  häufig begeistern sie sich dann auch fürs Zuhören. Manchmal ist es so, dass in diesen Projekten ein Schalter im Kopf umgelegt wurde. Und das zu beobachten, ist faszinierend.

    Was war für Sie ein besonders schöner Moment in Ihrem Amt als Vorsitzende der Stiftung Zuhören?

    M. Glück-Levi: Ein Highlight war für mich der Audioguide, den eine Gruppe von Jugendlichen für die Afrika-Abteilung des Münchner Völkerkundemuseums  erstellt hat. Es waren 17 Jugendliche mit Migrationshintergrund und vier deutsche, die erstaunliche Audiostücke gemacht haben, die richtig unter die Haut gehen.

    Aber auch das Theaterbuch „Bühne frei“, das mit dem Horncastle Verlag entstanden ist und das herrliche Hörbilder von Kindern über das Residenztheater in München enthält, ist für mich ein Highlight.

    Ein ganz besonderer Moment ist für mich auch immer, wenn ich sehe, dass unsere Projekte den Kindern tatsächlich etwas gebracht hat. Das war zum Beispiel ganz deutlich bei dem Projekt „München Hören“. Hier haben 300 Kinder und Jugendliche kleine Hörbilder zu Münchner Stadtvierteln erstellt und mit großem Engagement und großer Freude präsentiert. Das ist wahnsinnig schön. Da hat man das Gefühl, da ist was passiert, das lohnt sich.

    Was wünschen sie sich für die Zukunft der Stiftung?

    Ich wünsche mir, dass es uns gelingt, weitere Zustifter, insbesondere aus Reihen der ARD- und anderer Landesmedienanstalten zu gewinnen. Die Stiftung setzt den Bildungsauftrag, den diese Häuser haben, in exzellenter Weise um und tritt für Medienbildung ein. Sie erreicht jährlich über 50.000 Kinder und Jugendliche über Projekten unmittelbar, kooperiert mit über 2.500 Schulen bundesweit und bildet jährlich eine Vielzahl Pädagoginnen und Pädagogen sowie Multiplikatorinnen und Multiplikatoren fort. Das heißt, die Stiftung ist ein anerkannter Bildungsträger und hervorragend in der Bildungsszene vernetzt.

    Das Interview führte Friederike Winkler.